Wann hast Du zuletzt wirklich aus Klarheit gehandelt und nicht aus innerem Druck? Diese Frage ist unangenehm, weil sie uns an einen Punkt führt, den wir lieber mit Erklärungen überdecken. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns selbst gut analysieren können. Wir kennen unsere Muster, unsere Prägungen, unsere Verletzungen. Wir wissen, warum wir reagieren, wie wir reagieren. Und doch erleben viele von uns im Alltag immer wieder denselben Moment: Ein Impuls taucht auf, Spannung steigt, und wir sind bereits in Bewegung, bevor wir überhaupt bemerken, dass sich etwas in uns zusammengezogen hat.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich habe viele Jahre gedacht, dass mehr Erkenntnis automatisch mehr Freiheit bedeutet. Ich konnte Zusammenhänge herstellen, innere Dynamiken durchschauen, mir selbst präzise erklären, was geschieht. Das war klärend, manchmal sogar geistig befreiend. Und dennoch gab es diese Sekunden, in denen alles Wissen wirkungslos wurde. Ein Satz traf mich, ein Blick irritierte mich, eine Situation löste Druck aus, und schon war ich in einer Reaktion, die ich später wieder analysieren konnte, ohne sie im entscheidenden Moment unterbrochen zu haben.
An diesem Punkt begann für mich ein anderes Verstehen. Ich merkte, dass Freiheit nicht aus der Geschichte entsteht, die ich über mich erzähle. Sie entsteht im unmittelbaren Kontakt mit dem, was gerade in mir passiert, im Moment seiner Entstehung. Dieser Augenblick ist unscheinbar, und doch entscheidet er über die Qualität unseres Handelns.
Das eigentliche Update
Solange wir auf Automatismen reagieren, läuft ein inneres Programm, das schneller ist als unser Denken. Diese Programme sind vertraut, oft gut begründet, manchmal sogar gesellschaftlich anerkannt. Sie fühlen sich an wie „ich“. In Wahrheit sind es erlernte Abläufe, die sich verselbständigt haben. Innere Autorität bedeutet, diese Abläufe frühzeitig zu erkennen und im Moment des Entstehens anwesend zu bleiben.
Für mich gleicht das einem inneren Update. Es geht nicht um Optimierung oder um eine neue Version meiner Persönlichkeit. Entscheidend ist eine veränderte Funktionsweise. Früher liefen viele Prozesse im Hintergrund, ausgelöst durch Reize, die unmittelbar in Reaktionen übersetzt wurden. Heute nehme ich deutlich früher wahr, wenn sich in mir etwas aufbaut.
Die Spannung im Körper, die Beschleunigung im Denken, der Drang, sofort zu handeln oder mich zurückzuziehen. Dieses frühe Erkennen verändert alles. Es macht den Raum sichtbar, der immer da ist. In dieser Präsenz wird erfahrbar, dass ich bleiben kann, auch wenn sich eine Bewegung in mir bildet.
Viele Menschen glauben, dass Direktheit die Tiefe raubt. Meine Erfahrung ist das Gegenteil. Wenn ich aufhöre, inneres Geschehen sofort zu erklären oder zu bewerten, wird der Moment dichter. Die Emotion ist klarer spürbar. Die Spannung hat eine konkrete Form, der Impuls zeigt sich unverstellt. Diese Unmittelbarkeit hat nichts mit spiritueller Sprache zu tun. Sie ist nüchtern, körperlich, erfahrbar. Präsenz ist kein Konzept, sie ist eine Qualität von Kontakt, die im Moment entsteht.
Eine stille Disziplin
Innere Autorität entwickelt sich genau dort. Sie wächst, bzw. sie wird deutlicher, wenn wir tragen können, was in uns auftaucht, ohne es sofort in Handlung zu übersetzen. Das ist kein heroischer Akt, sondern eine stille Disziplin. Ein Dableiben, wenn es enger wird. Ein Aushalten, wenn das System in Bewegung geraten will. Mit der Zeit verändert sich dadurch die Art, wie wir entscheiden, sprechen und in Beziehung gehen. Die alten Automatismen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. An ihre Stelle tritt eine Klarheit, die nicht konstruiert werden muss, weil sie aus dem Moment selbst kommt.
Diese Haltung widerspricht der Erwartung, jederzeit bereit zur Reaktion zu sein. Innere Autorität führt zu größerer Genauigkeit und zu Entscheidungen, die aus dem unmittelbaren Kontakt entstehen. Konflikte eskalieren weniger, weil sie nicht mehr ausschließlich aus angestauter Spannung gespeist werden. Verantwortung wird persönlicher, weil sie nicht auf äußere Umstände abgeschoben wird.
Innere Autorität ist deshalb kein Luxus für Menschen mit viel Zeit zur Selbstreflexion. Sie ist eine notwendige Fähigkeit in einer überreizten Welt. Sie entscheidet darüber, ob wir geführt werden von Triggern, Stimmungen und kollektiver Aufladung oder ob wir aus einer inneren Klarheit heraus handeln können.
Wenn Du beim Lesen gemerkt hast, dass genau diese Dynamik in Deinen Gesprächen oder Entscheidungen wiederkehrt, dann lohnt es sich, diesen Punkt nicht nur zu verstehen, sondern im Erleben zu untersuchen. In „Deep Access“ arbeiten wir direkt am Moment, in dem Dein Schutz übernimmt – nicht im Rückblick, sondern im aktuellen Erleben.
Hallo, das ist wieder einmal ein Thema zur richtigen Zeit. In den letzten Tagen bin ich in Situationen geraten in denen genau diese Qualitäten gefragt waren. Eine willkürliche Polizeikontrolle auf einem Spaziergang, die mich in dieser Form „früher“ völlig aus der Bahn geworfen hätte. Nicht weil ich etwas zu befürchten habe, aber die Demonstration der Macht, die Menschen in Uniform, auch noch bewaffnet, an den Tag legen, hat mich fassungslos zurückgelassen Diese Selbstverständlichkeit, Grenzen zu überschreiten, vor allem Dingen mein Umgang mit der Situation hat mich diesmal selbst erstaunt zurückgelassen.
diese Ruhe und Distanz mit der ich bei mir bleiben konnte und die Situation beobachtet habe, hat mit besser gefallen, als der Aufruhr, der sonst in mir aufgetaucht ist.
als ich heute den Titel des neuen Beitrags gelesen habe, wurde mir klar, dass sich in dem Fall einer innere Autorität eingestellt hat.
Das war eine interessante Erfahrung, die mir erst durch deinen Beitrag bewusst geworden ist.
Danke dafür..🙏🙏
Lieber Bernd, Dein Kommentar freut mich ganz besonders, da er so unmittelbar aus dem Leben kommt.
Lieben Dank, dass Du Deine Erfahrung hier geteilt hast! LG Nicole