Viele Menschen sprechen über Glück, als wäre es ein Zustand, den man erreichen, festhalten oder absichern müsste, am besten dauerhaft und möglichst störungsfrei. Je länger man lebt, desto deutlicher wird jedoch, dass Glück sich genau dieser Logik entzieht, weil es sich nicht erzwingen lässt und auch keinen festen Wohnsitz hat. Es taucht auf, verschwindet wieder, verändert seine Gestalt und hinterlässt oft erst im Rückblick den Eindruck, dass es da war, während man es im Moment selbst kaum benennen konnte.
Vielleicht liegt das daran, dass Glück weniger mit äußeren Umständen zu tun hat, als wir gerne glauben, und viel mehr mit der Art, wie wir dem begegnen, was gerade da ist. Es ist kein Höhepunkt, der sich planen lässt, sondern eher ein stilles Einverstanden-Sein mit dem eigenen Erleben, egal ob dieses Erleben angenehm, unspektakulär oder sogar schwierig ist. Glück wirkt oft unscheinbar, fast alltäglich, und genau deshalb übersehen wir es so leicht.
Wenn man versucht, all die großen Versprechen, Konzepte und Ratgeber hinter sich zu lassen, bleibt eine erstaunlich einfache Beobachtung übrig. Glück entsteht dort, wo die Beziehung zur eigenen Erfahrung stimmig wird. Nicht perfekt, nicht konfliktfrei, aber ehrlich und unverkrampft. In dem Moment, in dem wir aufhören, innerlich ständig gegen uns selbst zu arbeiten, verändert sich etwas Grundlegendes.
Die Beziehung zur Realität
Ein großer Teil unseres inneren Leidens entsteht durch den Widerstand gegen das, was wir gerade wahrnehmen. Gedanken tauchen auf, Gefühle melden sich, der Körper reagiert, und fast automatisch setzt eine innere Bewegung ein, die sagt, dass es anders sein sollte, schneller gehen müsste oder so auf keinen Fall bleiben darf. Diese innere Spannung verbraucht enorm viel Energie, oft ohne dass wir es bewusst merken.
Glück beginnt dort, wo diese innere Gegenwehr nachlässt und Wahrnehmung wieder direkter wird. Das bedeutet nicht, dass alles gut oder angenehm sein muss, sondern dass das, was da ist, für einen Moment einfach da sein darf. In diesem Raum entsteht eine gewisse Weite, die nichts mit Euphorie zu tun hat, aber viel mit innerer Entlastung.
Viele Menschen verwechseln diesen Zustand mit Resignation oder Passivität, dabei passiert innerlich genau das Gegenteil. Die Energie, die sonst in Abwehr und Bewertung fließt, steht plötzlich für Präsenz zur Verfügung. Man ist wacher, klarer und zugleich weniger verstrickt in die eigenen Reaktionen.
Sinn als Resonanz
Der Wunsch nach Sinn begleitet den Menschen seit jeher, und doch gerät er oft zur Belastung, wenn Sinn wie ein Ziel behandelt wird, das erreicht werden muss. Wer verzweifelt nach Bedeutung sucht, verliert häufig den Kontakt zu dem, was sich im eigenen Leben bereits stimmig anfühlt. Sinn lässt sich nicht herstellen wie ein Produkt, sondern zeigt sich dort, wo etwas innerlich berührt wird.
Manchmal liegt Sinn in einer Tätigkeit, manchmal in einer Begegnung, manchmal einfach in einem stillen Moment, der sich vollständig anfühlt, ohne dass man erklären könnte warum. Diese Art von Sinn entsteht durch Resonanz, durch ein feines inneres Ja, das sich nicht argumentieren lässt. Je weniger man versucht, ihn festzuhalten oder zu rechtfertigen, desto klarer wird er spürbar.
Glück hat viel mit dieser Form von Sinn zu tun, weil sie uns erlaubt, dem eigenen Leben zu vertrauen, auch wenn es keine große Geschichte erzählt. Es reicht oft, dass sich etwas echt anfühlt, ohne dafür einen Beweis liefern zu müssen.
Nähe und Eigenständigkeit
Der Mensch ist ein soziales Wesen, und doch zeigt die Erfahrung, dass Nähe allein kein Garant für Glück ist. Beziehungen können nähren, verbinden und tragen, sie können aber auch verengen, wenn sie aus einem inneren Mangel heraus gelebt werden. Glück entsteht in der Balance zwischen Verbundenheit und innerer Eigenständigkeit.
Es ist ein feiner Unterschied, ob man mit einem anderen Menschen in Kontakt ist, weil man sich teilen möchte, oder weil man sich selbst darin verlieren will. Dort, wo Beziehung Raum lässt, entsteht eine Qualität von Nähe, die nicht anstrengend ist. Man darf da sein, ohne etwas leisten zu müssen, und gleichzeitig bleibt man bei sich.
Diese Form von Beziehung beginnt immer im eigenen Inneren, weil sie voraussetzt, dass man sich selbst in seinem Erleben ernst nimmt. Wer sich selbst ständig übergeht, wird auch in Beziehungen kaum Ruhe finden, egal wie viel Nähe da ist.
Die Erlaubnis, so zu sein
Vielleicht ist dies der entscheidendste Punkt in der ganzen Betrachtung von Glück: Viele Menschen leben in einem subtilen inneren Kampf gegen ihre eigene Natur, gegen ihre Empfindsamkeit, ihre Intensität, ihre Langsamkeit oder ihre Bedürftigkeit. Dieser Kampf wirkt oft leise, fast unsichtbar, und prägt dennoch das gesamte Lebensgefühl.
Glück zeigt sich dort, wo diese innere Ablehnung weicher wird und sich eine grundlegende Erlaubnis einstellt, so zu sein, wie man ist, in diesem Moment, mit allem, was dazugehört. Das bedeutet nicht, dass Entwicklung aufhört oder dass alles gleichgültig wird, sondern dass Veränderung aus einem freundlicheren Verhältnis zu sich selbst heraus geschieht.
In dieser Erlaubnis liegt eine tiefe Entspannung, weil man aufhört, ständig an sich herumzuziehen. Das Leben darf sich entfalten, ohne dass man es ununterbrochen korrigieren muss. Glück wirkt hier weniger wie ein Ziel, das erreicht wird, und mehr wie ein Zustand, der bleibt, wenn der innere Druck nachlässt.
Am Ende lässt sich die Formel für Glück erstaunlich einfach zusammenfassen. Glück ist der Zustand, in dem nichts in Dir gerade repariert werden muss. Es ist keine Dauerfreude und kein Versprechen auf immer gute Tage, sondern eine stille Übereinstimmung mit dem eigenen Erleben. Es ist genau diese Schlichtheit das, was wir so lange übersehen haben, während wir nach etwas Größerem gesucht haben.
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Liebe Nicole, ein sehr schöner, stimmiger Blog zum Thema Glück und Präsenz und Annahme, toll! Vielen Dank!
Danke Dir, Hans Werner! 🙂
„Das Leben darf sich entfalten, ohne dass man es ununterbrochen korrigieren muss. Glück wirkt hier weniger wie ein Ziel, das erreicht wird, und mehr wie ein Zustand, der bleibt, wenn der innere Druck nachlässt.“ Danke, Nicole für diesen Satz. Er hat mir die Augen geöffnet. Der ganze Artikel hat mir die Augen geöffnet, dafür, wie sehr ich immer fast jede Regung in mir korrigieren will. Und wie anstrengend das ist. Und wie sehr ich mich nach Entlastung sehne. Nichts mehr an sich selbst zu korrigieren, das ist wahres Glück. Aber viele glauben ja, dass einen Kritik weiterbringt und wenn man aufhört sich selbst zu kritisieren, dass dann alles zusammenbricht und man unkontrolliert ist und alle Dämme brechen. Ich hab das auch lange geglaubt aber es beginnt zu bröckeln. Lg Nina
Liebe Nina,
danke Dir für Deine Offenheit.vWas Du beschreibst, kenne viele, die ständige innere Korrektur, als müsste man sich permanent nachjustieren. Das wirkt diszipliniert, ist aber oft einfach nur Druck. Die Angst, ohne Selbstkritik würde alles auseinanderfallen, ist verständlich. Wir verwechseln Kontrolle mit Stabilität. Doch echte Stabilität entsteht nicht durch Dauerbewertung, sondern durch Bewusstheit. Wenn Du etwas siehst, ohne es sofort zu verurteilen, heißt das nicht, dass Du unkontrolliert wirst. Es heißt nur, dass Du Dir Raum gibst.
Dass dieser alte Glaube bei Dir zu bröckeln beginnt, ist kein Kontrollverlust. Es ist ein Zeichen von Reife. 🙂
Liebe Grüße
Nicole
Liebe Nicole,
Dein Text ist wieder einmal wunderbar!
Kennst du die Bewußtheitsübung der Sufis, wo es genau darum geht, das, was in mir gerade da ist, geschehen zu lassen, ohne einzugreifen?
Lieben Gruß
Ma
Liebe Ma, danke Dir.
Ja, solche Übungen sind mir bekannt – in verschiedenen Traditionen taucht genau dieser Kern immer wieder auf:
wahrnehmen, was da ist, ohne sofort einzugreifen oder es verändern zu wollen.
Entscheidend ist für mich dabei weniger die Tradition als die Direktheit der Erfahrung. In dem Moment, in dem
etwas einfach gesehen wird, ohne Manipulation, verändert sich die Qualität des Erlebens von selbst.
LG
Nicole
Liebe Nicole du hast hier Glück sehr tief und einfühlsam beschrieben. Ich lasse deine Worte in mir wirken.
„Glück ist keine Dauerfreude und kein Versprechen auf immer gute Tage, sondern eine stille Übereinstimmung mit dem eigenen Erleben“ .
Es gibt für mich hier gar nichts zu ergänzen oder anzumerken. Ich möchte einfach mein eigenes Erleben beschreiben.
Was fühle ich im Glück oder im Unglück?
Ich kann Glück oder Unglück gar nicht als Zustand oder als Gefühl definieren, oder gegeneinander abgrenzen.
Was ist Glück was ist Unglück?
Wie fühle ich Glück oder Unglück?
Wie erkenne ich Glück oder Unglück?
Ist Glück ein Zustand oder ein Gefühl?
Bilden Glück und Unglück ein Ganzes?
Welche Vorstellung habe ich von Glück oder Unglück?
Wo ist die Grenze zwischen Glück und Unglück?
Dies sind scheinbare Gegensatzpaare, die mein Leben begleiten:
Hölle-Paradies
Depression-Ekstase
Mangel-Fülle
Angst-Liebe
Krankheit -Gesundheit
Verlust-Gewinn
Niederlage-Sieg
Leben-Tod
Trauer-Freude
Ich lasse meine Fragen einfach offen.
Mein Fühlen ist mir näher als meine Definition.
Ich denke und ich fühle oft, dass ich Glück gehabt habe in meinem Leben in bestimmten Situationen und so wie jetzt alles ist.
In der Stille sind Antworten einfach da
– ohne Fragen.
Ich mag, dass Du nichts festlegst, Johannes. Glück und Unglück wirken oft nur wie Begriffe. Im Erleben sind sie viel fließender.
Dass Dir Dein Fühlen näher ist als jede Definition, kann ich gut nachvollziehen. Und ja,in der Stille klärt sich manches von selbst, ohne große Worte.
Liebe Grüße
Nicole