Wem sollen wir vertrauen-anhören

von Nicole Paskow

Wenn ich heute in die Welt schaue, habe ich nicht den Eindruck, dass wir es mit einzelnen Krisen zu tun haben. Es wirkt eher, als würde sich ein Grundmuster zeigen, das an vielen Stellen gleichzeitig sichtbar wird. Macht konzentriert sich, Gewalt eskaliert, gesellschaftliche Spaltungen vertiefen sich, und das Vertrauen in übergeordnete Instanzen erodiert. Nicht schleichend, sondern spürbar. Etwas trägt nicht mehr, was lange als selbstverständlich galt.

Der Fall Jeffrey Epstein ist dafür ein eindrückliches Beispiel, gerade weil er weniger über einen einzelnen Menschen erzählt als über ein Netzwerk aus Macht, Geld und Schutzmechanismen. Dass ein Mann über Jahre hinweg systematisch Minderjährige missbrauchen konnte, während Hinweise ignoriert, Verfahren eingestellt und Zusammenhänge verwischt wurden, verweist auf eine strukturelle Blindheit. Nicht Moral hat hier versagt, sondern Verantwortung. Und das Vertrauen darauf, dass Systeme sich selbst korrigieren, wurde nachhaltig erschüttert.

Ähnlich verhält es sich mit dem Krieg in der Ukraine. Er ist längst mehr als ein regionaler Konflikt. Er zeigt, wie schnell geopolitische Interessen, historische Deutungsrahmen und militärische Logiken über menschliches Leid hinweggehen können. Gleichzeitig offenbart er, wie begrenzt der Einfluss internationaler Institutionen ist, wenn Macht auf Gewalt setzt. Auch hier bleibt am Ende die Frage, wer schützt, wer vermittelt, wer trägt Verantwortung, wenn Eskalation zur Strategie wird.

Die Rückkehr der starken Männer

In dieses Klima hinein treten Figuren, die sich demonstrativ über Einwände hinwegsetzen. Donald Trump ist dafür weniger Ursache als Symptom. Seine politische Wirkung speist sich aus der radikalen Weigerung, sich an etablierte Spielregeln zu binden. Fakten, Bündnisse, diplomatische Konventionen verlieren an Bedeutung gegenüber persönlicher Machtinszenierung. Das wirkt auf viele verstörend, auf andere erstaunlich attraktiv.

Ein ähnliches Muster zeigt sich im Iran, wo ein autoritäres Regime mit massiver Gewalt auf Proteste reagiert und sich weder von internationalem Druck noch von innergesellschaftlichem Leid beeindrucken lässt. Die Botschaft ist klar: Macht rechtfertigt sich selbst. Kontrolle ersetzt den Dialog. Angst ersetzt Beziehung. Dass solche Systeme überleben, liegt nicht an ihrer Stärke, sondern an der Schwäche der Alternativen, die sie umgibt.

Auch in Europa verschieben sich die Koordinaten. Der Aufstieg der Alternative für Deutschland ist kein Ausrutscher, er ist  Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber politischen und medialen Autoritäten. Menschen fühlen sich nicht mehr vertreten, nicht mehr gesehen und nicht mehr gehalten. Populistische Antworten greifen dort, wo Orientierung fehlt und Komplexität überfordert.

Eine Welt ohne äußeren Halt

Was all diese Phänomene verbindet, ist der Verlust eines tragfähigen Außen. Institutionen wirken fragil, moralische Maßstäbe widersprüchlich, politische Erklärungen austauschbar. In einer solchen Situation wenden sich viele Menschen ab. Sie ziehen sich zurück in private Räume, in digitale Parallelwelten, in Ablenkung. Das geschieht weniger aus Gleichgültigkeit, als aus Überforderung.

Soziale Medien verstärken diesen Rückzug. Sie bieten Nähe ohne Beziehung, Information ohne Einbettung, Meinung ohne Verantwortung. Die Welt wird konsumiert, nicht mehr durchdrungen. Empörung flackert auf, verebbt, wird abgelöst. Tieferes Verstehen bleibt selten. Eigene Positionen werden übernommen, nicht erarbeitet. In einem Klima dauernder Reizüberflutung wird es mühsam, etwas Eigenes entstehen zu lassen, weil kaum noch Raum für innere Bewegung bleibt.

Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach Klarheit. Nach jemandem, der sagt, wo es langgeht. Nach Ordnung in einer unübersichtlichen Welt. Dass diese Ordnung oft autoritär, ausgrenzend oder gewaltsam ist, wird in Kauf genommen, solange sie Orientierung verspricht. Genau hier wird es brenzlig, denn äußere Autorität ersetzt innere Unsicherheit, ohne sie zu lösen.

Der vergessene Ort der Autorität

Die entscheidende Frage lautet für mich deshalb nicht mehr, welcher politischen Richtung man folgen sollte, sondern wo Autorität überhaupt verortet wird. Solange Menschen Halt ausschließlich im Außen suchen, bleiben sie manipulierbar. Jede starke Figur kann dann zur Projektionsfläche werden, jede einfache Antwort zur Erlösung.

Innere Autorität beginnt an einem anderen Ort. Sie beginnt mit Präsenz. Präsenz meint die Fähigkeit, im eigenen Erleben anwesend zu sein, ohne sofort zu reagieren, zu bewerten oder sich zu verteidigen. In dieser Anwesenheit kann kein Krieg herrschen, denn Krieg entsteht dort, wo Abwehr regiert. Der Mensch führt diesen Krieg oft gegen sich selbst, indem er sich permanent an äußeren Maßstäben misst und innerlich gegen das ankämpft, was er fühlt.

Unsere Schutzmechanismen sind alt. Sie stammen aus einer Zeit, in der Anpassung notwendig war. Als Kinder mussten wir reagieren, funktionieren, Erwartungen erfüllen. Für unseren inneren Raum gab es selten einen Spiegel. Wir lernten Konzepte, Rollen, Bilder, aber nicht, uns selbst unmittelbar zu begegnen. Die Konsequenz zeigt sich heute als innere Haltlosigkeit, die im Außen nach Führung sucht.

Präsenz als Antwort

Innere Autorität ist lernbar. Sie entsteht, wenn wir beginnen, unsere inneren Abläufe nüchtern zu sehen. Wenn wir erkennen, wie schnell wir in Verteidigung gehen, wie abhängig wir von Zustimmung sind, wie stark alte Muster unser Handeln bestimmen. Aktualisierung bedeutet nicht Optimierung, sie bedeutet Direktheit. Sich selbst zu empfangen, ohne Umweg über Ideale oder Selbstbilder.

Eine Gesellschaft, die diesen Ort vernachlässigt, wird immer wieder äußere Autoritäten hervorbringen, die Macht bündeln und Kontrolle ausüben. Eine Gesellschaft, in der Menschen in sich präsent sind, wird vielleicht konflikthaft bleiben, aber definitiv weniger zerstörerisch. Frieden ist kein politischer Zustand, sondern ein innerer Ausgangspunkt.

Wenn wir also fragen, wem wir vertrauen sollen, führt die Antwort nicht zuerst nach außen. Sie führt nach innen. Das ist weniger als Rückzug gemeint, als im Sinne von Verankerung. Dort, wo kein innerer Krieg herrscht, verliert äußere Gewalt an Anziehungskraft. Genau hier liegt der eigentliche Hebel. Und genau hier beginnt Verantwortung.

An diesem Punkt setzt mein Ansatz Deep Access an. Er versteht sich nicht als Meinung, nicht als Weltanschauung und nicht als weiteres Konzept, sondern als eine Schule des inneren Sehens. Eine Schule, in der es darum geht, wieder wahrzunehmen, was im eigenen Inneren tatsächlich geschieht. Klar, wach und präsent. Dabei geht es nicht darum besser zu werden, sondern um überhaupt da zu sein. Dort, wo diese Anwesenheit entsteht, endet der innere Krieg, und mit ihm beginnt etwas, das man mit Recht Frieden mit sich selbst nennen kann.

Direct System Code™ ist daraus hervorgegangen als eine praktische Methode, um mit den erkannten inneren Mustern im Alltag zu arbeiten. Nicht theoretisch, oder erklärend, sondern unmittelbar erfahrungsbezogen. Es geht darum, Schutzmechanismen, Reaktionsketten und innere Abwehrbewegungen im Moment ihres Entstehens zu erkennen und ihnen die automatische Macht zu nehmen: durch Bewusstheit und Aktualisierung.

Mich interessiert dabei nicht die Oberfläche der Probleme, mich interessiert ihre Quelle. Ich bin überzeugt, dass das, was wir derzeit kollektiv erleben, Ausdruck eines tief vernachlässigten innersten Raumes ist. Ein Raum, der unbekannt geblieben ist, weil wir ihn nie betreten haben, weder individuell noch gesellschaftlich. Dieser Raum wurde ersetzt durch Anpassung, durch Konzepte und durch äußere Orientierung. Dort, wo dieser innere Kontakt fehlt, entsteht Ohnmacht. Und aus Ohnmacht wächst der Wunsch nach äußerer Autorität.

Meine Mission ist es, diesem Raum wieder Bedeutung zu geben. Ihm Platz einzuräumen, damit Selbstverantwortung überhaupt wieder möglich wird, als natürliche Folge innerer Klarheit. Wenn Menschen sich selbst sehen lernen, verlieren einfache Antworten ihre Verführungskraft. Wenn Präsenz entsteht, wird Machtmissbrauch sichtbar. Und wenn der innere Halt zurückkehrt, muss niemand mehr im Außen danach suchen.

 

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In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.