Freiraum - der stille Ursprung - anhören
Es gibt einen Raum in uns, der sich nur dann zeigt, wenn es wirklich still wird. Still wie die spiegelglatte Oberfläche eines Sees bei völliger Windstille. Kein Aufruhr, kein Aufbegehren, kein Bemühen mehr. Nur ein zarter Moment der Gegenwärtigkeit, der sich nicht greifen lässt – und gerade deshalb so echt ist. Dieser Raum ist nicht laut, nicht spektakulär, nicht glänzend oder dramatisch. Und doch liegt in ihm alles, wonach wir uns im tiefsten Inneren sehnen.
Ich nenne diesen Raum den Freiraum.
Der Moment, in dem alles abfällt
Er entsteht nicht durch äußere Bedingungen, nicht durch einen perfekten Tagesablauf oder durch einen Rückzug ins Grüne – so heilsam das alles auch sein kann. Er öffnet sich erst, wenn wir im Innersten ablassen: von der Idee, jemand Bestimmtes sein zu müssen. Von den Gedanken, die uns einreden, was richtig und was falsch ist. Von den Geschichten, die wir über uns selbst erzählen, über andere, über das Leben. Von den Meinungen, die uns einengen, von den Erwartungen, die uns ununterbrochen antreiben.
Wenn all das nicht mehr im Vordergrund steht, wenn das innere Stimmengewirr zur Ruhe kommt – dann wird es still in uns. Und aus dieser Stille heraus öffnet sich der Freiraum. Ein Ort, der weniger ein Ort ist, als vielmehr ein Zustand. Oder vielleicht ist es eher ein Nicht-Zustand – etwas, das jenseits aller Definitionen liegt.
In diesem Raum bin ich niemand. Nicht Mutter, nicht Frau, nicht Tochter oder Ehefrau. Ich bin einfach. Und dieses einfach sein ist alles. Es ist kein Verzicht, kein Verlust, sondern eine Rückkehr. Eine Rückkehr zu dem, was ich bin, wenn alles, was ich zu sein glaube, beiseite treten darf.
In diesem Freiraum bin ich nicht mehr getrennt von mir selbst. Ich bin nicht mehr im Widerstand. Ich beobachte nicht mehr, bewerte nicht, ordne nicht ein. Ich bin die glatte Oberfläche selbst, der Ozean ohne Wellen. Es gibt nichts zu tun, nichts zu erreichen. Nur Präsenz. Nur Sein. Nur das Hier.
Wie schlafen – nur wach
Manchmal fühlt sich das an wie schlafen – nur mit offenen Augen. So entspannt wie im tiefsten Traum, und doch vollkommen wach. Ich bin in mir eingesunken, ohne mich darin zu verlieren. Ich bin wie ein Spiegel, der alles zeigt, was in ihm auftaucht, aber nichts davon festhält. Nichts davon braucht eine Meinung, nichts davon muss verändert werden. Es darf einfach sein.
Und in genau dieser Freiheit liegt für mich das tiefste Verständnis von Heilung. Denn Heilung ist für mich nicht, dass etwas besser wird – sondern dass ich nichts mehr ausschließen muss. Dass ich mit allem in mir sein darf. Dass auch die dunklen Anteile, die ich lieber verbergen würde, ans Licht treten dürfen, ohne dass ich davor zurückschrecke. Dass ich alles, was ich bin, einladen kann, in diesem Freiraum zu erscheinen.
Begegnung im freien Raum
In meinen Onlinegruppen sehe ich das immer wieder: Wenn Menschen sich zeigen dürfen, ohne sich zu verteidigen – wenn sie sich berühren lassen, voneinander lernen und einander spiegeln – dann geschieht etwas. Dann beginnt sich etwas zu beruhigen. Dann spüren wir: Wir sitzen alle im selben Boot. Und vielleicht ist dieser geteilte Freiraum das Heilendste, was wir uns schenken können.
Wir sind oft so entfremdet von uns selbst, dass wir gar nicht mehr wissen, wie es sich anfühlt, einfach zu sein. Ohne etwas leisten zu müssen. Ohne funktionieren zu müssen. Ohne optimiert zu werden. Aber sobald dieser Raum da ist – dieser Freiraum, in dem nichts sein muss, aber alles sein darf – entsteht Vertrauen. Vertrauen in das Leben. Vertrauen in uns selbst. Vertrauen in das, was wir wirklich sind.
Der Sternenhimmel in uns
Der Freiraum ist kein spirituelles Ziel. Er ist kein Ort, an dem man „ankommt“. Er ist auch kein Zustand, den man halten kann. Er ist einfach da. Immer. Wie der Sternenhimmel, der auch tagsüber über uns leuchtet – wir sehen ihn nur nicht, weil das Licht der Welt zu laut ist. Aber er ist da. Und manchmal reicht ein Moment der Stille, ein Innehalten, ein tiefes Ausatmen – und schon erkennen wir ihn wieder.
Der Freiraum hat keine Meinung. Kein „das darf nicht sein“. Kein „so solltest Du sein“. Er ist still. Und in dieser Stille liegt ein großes JA. Ein JA zu allem, was ist. Auch zu den Dingen, die uns Angst machen. Auch zu den Schatten, die wir nicht anschauen wollen. Auch zu den Sehnsüchten, die wir uns nicht eingestehen. Alles darf da sein, wenn wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen.
Wir suchen ihn überall – und tragen ihn längst in uns
Ich glaube, wir alle sehnen uns nach diesem Raum. Auch wenn wir es nicht so nennen. Wir suchen ihn im Urlaub, in der Meditation, in der Natur, in Beziehungen. Aber all das sind nur Spiegel. Der Freiraum selbst ist viel näher. Er ist in uns. Immer. Und sobald wir aufhören zu rennen, zu denken, zu analysieren, zu vermeiden – ist er da.
Einladung zum gemeinsamen Erkunden
Diesen Raum möchte ich gemeinsam mit anderen erforschen. Und deshalb starte ich heute, am 2. April um 20 Uhr, einen neuen Podcast. Ohne fertigen Plan. Ohne zu wissen, was sich zeigen wird. Vielleicht wird es berühren. Vielleicht auch nicht. Aber ich folge dem Impuls, diesen Freiraum sichtbar zu machen – in Sprache, in Begegnung, in Präsenz.
Du findest mich auf meinem YouTube-Kanal oder per Zoom.
Alle Infos dazu hier: https://nicolepaskow.de/freiraum/
Vielleicht magst Du einfach mal dazukommen. Still dabei sein. Oder Dich zeigen. Alles darf sein. Es braucht keinen Mut – nur Offenheit. Und vielleicht ist das der größte Mut überhaupt: sich nichts mehr vormachen zu müssen.
Im Freiraum sind wir nicht allein. Dort erkennen wir: Wir sitzen alle im selben Boot. Auch wenn unsere Geschichten unterschiedlich sind. Auch wenn unsere Ängste anders aussehen. Auch wenn wir manchmal glauben, wir müssten etwas Besonderes sein, um dazuzugehören – im Freiraum zeigt sich: Wir sind längst Teil von etwas, das größer ist als all unsere Vorstellungen.
Und das ist nicht laut. Das ist nicht spektakulär.
Das ist einfach still.
Und wunderschön.
In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.
Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.
Schon das Lesen Deiner Beschreibung des Freiraumes ist entspannend, Nicole. Da kommt automatisch bei mir ein erleichteter Seufzer und ein Ausatmen. 😊
Ich kenne diese Momente auch, doch erlebe ich sie selten.
Aufhören zu denken und zu analysieren ist theoretisch zwar klar, doch mit der Umsetzung hapert es. Es will auf Teufel komm‘ raus in mir denken und verstehen, was vor sich geht… Und je chaotischer im Außen, desto größer wird das Bedürfnis, den tieferen Sinn dahinter zu finden und zu verstehen.
Vermutlich ist das die dahinterliegende Herausforderung, das Nicht-Verstehen und die scheinbare Sinnlosigkeit so vieler leidvoller Ereignisse und Entwicklungen in der Welt aushalten zu lernen ohne dabei in passive Starre zu verfallen und trotzdem noch mitfühlend und sich einbringend Mitmensch zu sein und die Mitmenschen in anderen zu sehen, die gerade besonders viel Chaos anrichten.
Was für eine Aufgabe für uns Menschen, die wir alles andere als makellos sind! Manchmal frage ich mich ob unsere Seelen uns nicht überschätzt haben bei der Lebensplanung.
Danke für Deine schöne Beschreibung, die definitiv motiviert sich für den Freiraum so weit wie möglich zu öffnen.
Liebe Sabine,
ja, genau dieses tiefe Bedürfnis, zu verstehen, Sinn zu erkennen und „richtig“ mit dem Chaos der Welt umzugehen, kenne ich gut. Und ich glaube, dass es zutiefst menschlich ist. Vielleicht zeigt sich darin auch unsere Sehnsucht nach Ordnung inmitten der Unordnung – ein innerer Kompass, der Sinn sucht, wo scheinbar keiner ist.
Was mir immer wieder hilft, wenn der Verstand sich festbeißt:
Mir bewusst zu machen, dass ich immer nur aus einer bestimmten Perspektive schauen kann. Und dass diese Perspektive – so bemüht sie um Klarheit und Richtigkeit ist – immer begrenzt bleibt. Wir sehen nur Ausschnitte. Und die Vorstellung, wir könnten das ganze Bild erfassen, erzeugt oft mehr Druck als Befreiung.
Vielleicht ist es gerade diese Erkenntnis, die entspannen darf:
Dass wir nicht alles durchdringen müssen, nicht alles verstehen können.
Und dass das okay ist.
Der Freiraum öffnet sich manchmal genau dann, wenn wir für einen Moment aufhören zu kämpfen – auch gegen das eigene Nichtverstehen. Wenn wir zulassen, dass auch das Fragen, das Suchen, das Nichtwissen Teil des Ganzen ist. Und dass wir inmitten dessen trotzdem entspannt und wach bleiben können.
Von Herzen
Nicole
Liebe Nicole,
DANKE DIR! Ich fühle mich gerade sehr verstanden von Dir und verbunden. Deine Antwort tut mir gut. 💗 Alles Liebe! Sabine