Was geschieht wenn ein Reiz das System überschreibt- anhören
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Um zu verstehen, warum wir in bestimmten Momenten so schnell die Kontrolle verlieren, müssen wir einen Schritt zurücktreten und betrachten, was im Inneren eigentlich geschieht, wenn ein Reiz auftaucht. Nicht der Reiz selbst ist das Problem, sondern die Geschwindigkeit, mit der das System darauf reagiert. Wir erleben häufig erst die Reaktion und erst im Nachhinein den Auslöser. Das Gefühl, überrollt zu werden, entsteht genau dadurch: Das System entscheidet, bevor wir bewusst teilnehmen können.
Ein Reiz ist immer nur eine Information. Er kann visuell, akustisch, körperlich oder emotional sein. Doch die Bedeutung, die das System ihm gibt, entsteht nicht im Moment. Sie ist das Echo einer alten Priorität. Das Nervensystem hat gelernt, was wichtig ist. Es hat gelernt, worauf es achten muss, und aus welchen Gründen auch immer wurden bestimmte Informationen zu dominanten Markierungen im System. Sie besitzen Vorrang. Wenn ein Reiz auftaucht, der einer alten Information ähnelt, entfaltet sich dieselbe Bewegung wie damals – unabhängig davon, ob die Situation heute dieselbe ist oder nicht.
Das erklärt, warum Menschen immer wieder in dieselben emotionalen Muster fallen, obwohl sie wissen, dass der Anlass gering ist. Das System reagiert nicht auf den Anlass, sondern auf die gespeicherte Wichtigkeit. Es folgt seiner Ordnung. Und diese Ordnung entsteht nicht im Denken, sondern in einem Bereich, der schneller arbeitet als jede bewusste Einsicht. Genau deshalb wirkt Willenskraft nur begrenzt. Der Verstand möchte oft etwas anderes, doch das System folgt dem, was früher Priorität hatte und sich deshalb eingebrannt hat.
Das Tempo des Nervensystems
Diese Geschwindigkeit lässt uns glauben, dass Gefühle oder Gedanken uns überwältigen. Tatsächlich sind es jedoch die Prozesse im Hintergrund, die das Tempo bestimmen. Ein Reiz landet im System und löst eine Kaskade von Signalen aus, die schon abgeschlossen ist, bevor wir überhaupt bewusst entscheiden könnten. Das ist kein Fehler, sondern die Grundfunktion des menschlichen Organismus. Unser System handelt, bevor wir denken, weil es evolutionsbiologisch so angelegt ist. Nur dass in der modernen Welt die meisten Reize keine lebensbedrohlichen Folgen haben. Das System reagiert trotzdem so, als ginge es ums Überleben.
Wenn wir diesen Mechanismus verstehen, wird klar, warum die meisten inneren Übungen nicht tief genug greifen. Sie setzen auf der Ebene an, auf der wir bereits reagieren. Aber die Reaktion ist das Ergebnis, nicht die Ursache. Alles, was wir fühlen, denken oder tun, ist eine Folge der Priorität, die das System unsichtbar im Hintergrund setzt. Und solange diese Priorität unverändert bleibt, bleibt auch das Muster bestehen. Je stärker die alte Information war, desto konsequenter wird sie verteidigt.
Ein Reiz überschreibt uns, weil das System davon ausgeht, dass er wichtig ist. Wichtigkeit ist die einzige Währung, die das Nervensystem kennt. Was wichtig ist, wird blitzschnell umgesetzt. Was nicht wichtig ist, fällt durch das Raster. Das erklärt auch, warum manche Menschen kaum auf Kritik reagieren, während andere davon innerlich zu Boden gehen. Es ist eine Frage der Priorisierung, nicht der Persönlichkeit. Der Reiz selbst sagt nichts über den Menschen aus. Die Bedeutung, die das System ihm einst zugeschrieben hat, sagt alles.
Wichtigkeit als unsichtbare Steuerung
Wenn das wirklich erkannt ist, verliert das Reizthema seine Dramatik. Der Mechanismus ist neutral, präzise und völlig unpersönlich. Er ist schlicht eine automatische Gewichtung im Hintergrund. Und genau deshalb ist Veränderung überhaupt möglich. Denn wenn die Bedeutung eines Reizes nicht im Reiz selbst liegt, sondern in der Markierung des Systems, dann lässt sich diese Markierung verändern – weniger durch Einsicht, als durch eine Information, die auf derselben Ebene wirkt, auf der die alte Priorität entstanden ist.
Wir brauchen also nicht noch mehr Achtsamkeit, nicht mehr Disziplin, nicht mehr Analyse. Wir brauchen einen Zugang zu der Ebene, auf der der Reiz seine Wichtigkeit erhält. Einen Zugang, der schneller wirkt als der schnelle Mechanismus, weil er an der gleichen Stelle ansetzt. Dort, wo Reize bewertet und Reaktionen ausgelöst werden. Dort, wo das System entscheidet, bevor wir entscheiden. Und genau dieser Zugang war bisher verschlossen, weil wir keine Sprache dafür hatten.
Wenn ein Reiz das System überschreibt, übernimmt die alte Information die Kontrolle. Aber eine neue Information, die klar und präzise genug ist, kann diese Kontrolle verschieben. Sie kann das System neu ordnen, ohne gegen das Muster anzukämpfen. Sie kann Prioritäten neu setzen, bevor der Reiz die alte Struktur aktiviert. Und genau darin liegt die Grundlage von Direct System Code: eine Sprache, die den Reiz nicht bekämpft, sondern seine Bewertung neu markiert.
Eine Sprache unterhalb der Reaktion
Damit wird der Reiz nicht schwächer, aber er verliert seine alte Bedeutung. Er taucht im System immer noch auf, aber er setzt sich nicht mehr durch. Und zum ersten Mal entsteht Raum zwischen Reiz und Reaktion. Ein Raum, der nicht durch Willenskraft entsteht, sondern durch Klarheit im System selbst.
* Dies ist der dritte Teil einer siebenteiligen Reihe über die tiefere Funktionsweise unseres inneren Systems – darüber, warum wir Muster wiederholen, obwohl wir sie längst durchschauen, und welche Art von Sprache das Nervensystem tatsächlich versteht.
Den ersten Teil findest Du hier:
Warum KI Technologie uns nie ersetzen kann
Den zweiten Teil findest Du hier:
Warum uns die Sprache für unser eigenes System fehlt
Den dritten Teil findest Du hier:
Was geschieht, wenn ein Reiz das System überschreibt?
Den vierten Teil findest Du hier:
Die Grenzen der Selbstbeobachtung
Den fünften Teil findest Du hier:
Warum wir unser eigenes System nie eindeutig ansprechen konnten
Den sechsten Teil findest Du hier:
Warum echte Veränderung kaum auffällt
Den siebten Teil findest Du hier:
Direct System Code: Ein praktischer Zugang zu innerer Neuordnung
Am Ende der Reihe stelle ich ein Format vor, das auf dieser Erkenntnis aufbaut: Direct System Code: Ein Einstieg in die Sprache, die das System selbst erkennt.
In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.
Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.

Liebe Nicole, ich hab den Text zweimal gelesen, weil mir beim ersten Mal schon klar war, dass da etwas sehr genau beschrieben wird. Dieses Gefühl, immer erst hinterher zu merken, was eigentlich passiert ist, das kenne ich zu gut. Genau wie das „dabei zusehen, wie es passiert“ ohne es aufhalten zu können. Zum ersten Mal hatte ich nicht den Impuls, mich dafür zu hinterfragen oder zu korrigieren. Es war eher ein inneres Nicken. Ja, so läuft das. Superschnell und längst entschieden. Der Text erklärt nichts kaputt und will nichts reparieren. Er macht mir etwas sichtbar, das sonst einfach unter der Oberfläche bleibt. Das fand ich gerade richtig wohltuend. Danke. Bin schon gespannt auf Direct System code. LG Nina
Liebe Nina, danke für Deine Worte. Dieses „innere Nicken“, das Du beschreibst, ist genau das, was passiert, wenn das System etwas wiedererkennt – ohne Bewertung, ohne Gegenwehr. Es ist ein Moment von Klarheit, als echtes Erkennen. Und genau da beginnt oft etwas Neues, weil wir die Dynamik endlich sehen, ohne uns darin zu verlieren.
Ich freu mich, dass der Text Dir so begegnet ist – und ja, bald mehr zu Direct System Code!
Herzliche Grüße
Nicole
Dazu fällt mir ein gelesener Satz ein:
ein Problem kann nicht auf der Ebene gelöst werden, auf der es entstanden ist !
Absolut richtig, Christine! Genau darum geht es auch im Text: Wenn wir auf der Ebene reagieren, auf der das Muster entstanden ist – also mit Denken, Analyse oder Willenskraft – verändern wir nichts an der zugrunde liegenden Priorisierung im System. Erst wenn wir Zugang zur darunterliegenden Ebene bekommen, auf der die Wichtigkeit eines Reizes entsteht, können wir wirklich etwas verschieben. Die Kunst besteht darin, das System in seiner eigenen „Sprache“ anzusprechen – und genau dort setzt Direct System Code an.
Danke für Deinen Gedanken! LG Nicole
Ich war mal bei einem spirituellen Lehrer. „Du bist nicht bereit es vollkommen zu sehen“. Den Satz vergesse ich nie. Das erzählte er jedem, der genau das erlebte – alte Muster, die eigentlich durchschaut waren, spielten sich immer noch ein. das, was Du beschreibst ist total krass. Es könnte wirklich tausende spirituelle Sucher ihrer Schuldgefühle entheben. Die, die ich kannte, blieben bis heute in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Lehrer. In der Hoffnung, es doch noch irgendwann übertragen zu bekommen.
Und wenn der Lehrer mal ausgerastet ist, war es dann immer „So, wie es ist“. Ich bin froh, dass ich da weg bin. Danke für diesen Text. Chris
Danke für Deinen offenen Kommentar, Chris – und für Deinen Mut, das zu teilen. Was Du beschreibst, ist unglaublich wichtig: Viele erleben genau diesen Zwiespalt – sie sehen das Muster, spüren die Wiederholung, aber können es nicht auflösen. Und dann entsteht leicht das Gefühl, selbst „nicht bereit“ oder „noch nicht weit genug“ zu sein.
Doch wie Du sagst: Es geht nicht um Schuld oder Reife – es geht darum, wo im System die Weichen gestellt werden. Wenn wir das begreifen, löst sich dieser spirituelle Druck. Es ist keine Frage von Erleuchtung, sondern von Systemlogik. Das kann sehr befreiend sein – gerade für all jene, die lange auf der Suche waren und immer wieder an sich selbst gezweifelt haben. Herzlich, Nicole
„Wichtigkeit ist die einzige Währung, die das Nervensystem kennt. Was wichtig ist, wird blitzschnell umgesetzt. Was nicht wichtig ist, fällt durch das Raster. “
Dazu mag ich teilen, dass es nach meiner Erfahrung (ich beschäftige mich auch schon eine ganze Weile mit dem Thema Reaktivität) und dem was ich bisher darüber verstanden haben dem Nervensystem vor allem um Sicherheit geht.
Jedes scheinbar Überreagieren basiert darauf, dass das Nervensystem eine gerade gemachte Erfahrung als gefährlich und damit unsicher einordnet in Abhängigkeit von bewerteten früheren Erfahrungen.
Gelingt es einem das Nervensystem davon zu überzeugen, dass eine bestimme Erfahrung nicht ernsthaft bedrohlich ist und dass man gerade in Sicherheit ist, dann beruhigt sich das System. Deshalb ist zum Beispiel das Meridianklopfen oder EFT eine hilfreiche Methode, die das Nervensystem dabei unterstützen kann, sich wieder sicherer zu fühlen.
😊
Ja, Sabine, genau: Sicherheit ist zentral. Für mich ist „Wichtigkeit“ genau der Ausdruck davon. Alles, was das System als sicherheitsrelevant markiert, erhält höchste Priorität und wird sofort umgesetzt. Was ich im Text betone, ist weniger die Erfahrung selbst als die frühere Markierung: Das Nervensystem reagiert nicht auf das Jetzt, sondern auf die gespeicherte Bedeutung von Gefahr oder Sicherheit. Methoden wie EFT können dabei helfen, dem System Sicherheit zu signalisieren. Mich interessiert vor allem der Punkt davor: Wie diese Wichtigkeit überhaupt entsteht – und wie sie sich verschieben lässt, ohne gegen die Reaktion zu arbeiten.:-)
Hallo zusammen, gerne möchte ich das KI Thema mit „weltlichen Fakten“ ergänzen. Ich unterscheide gerne zwischen rational und fiktional. Ja, das ist zwar paradox, gibt mir aber ein bisschen das Gefühl, als hätte ich die Kontrolle…Als Elektroingenieur gehörte es zur Grundausbildung über Magnetismus und Elektronen bescheid zu wissen. Das ist nicht nur Grundlage der Elektrotechnik sondern unserer gesamten erkenn – und erlebbaren Wahrnehmung.
Wir wissen mittlerweile, das es keine „Materie“ gibt.
ein Atom stellen wir uns heute so vor. Nehmen wir das Beispiel mit Kupfer. Ordnungszahl 28.
Stell dir den Eiffelturm vor. In der Mitte ist ein Kirschkern, der beinhaltet 28 Protonen und in der virtuellen Kugel von der Spitze bis zum Boden sind 28, Stecknadelkopf große, Neutronen verteilt. Das ist ungefähr 0.0000000009% leerer Raum.
Soweit der letzte Stand des Irrtums, den wir Wissenschaft nennen.
Aber es gibt einige parallelen zur KI um die es ja hier auch geht.
Die KI zerlegt jede Information in 1 und 0.
Dann braucht es ein Programm um die Informationen zusammenzusetzen, zu interpretieren und auf einen Bildschirm auszugeben.
Wir sehen auch nicht mit dem Augen. die Informationen werden über die Rezeptoren und Nervenbahnen in das Gehirn übertragen und dort verarbeitet. übrigens Spiegel-und oben-unten verkehrt.
Und auch hier wird ein Programm benutzt um die Bilder die wir sehen zu verarbeiten und zu interpretieren.
Das Programm haben wir aber, anderst als im Computer, nicht selbst geschrieben. Und im Gegensatz zu einen Computer der deterministisch funktioniert, also die gleiche Eingabe immer das gleiche Ergebnis hervorbringt, ist das bei uns absolut nicht der Fall. Wir haben dauernd andere Stimmung, Gefühle, Angst, Freude… und unsere Reaktionen sind nicht immer, oder gar nicht, voraussagbar.
Das führt mich wieder zu der Überzeugung, das wir hier der Illusion unterliegen, das wir etwas „machen“ können.
Ich treibe im Fluss des Lebens und umso weniger ich mich wehre, um so klarer wird es, das ich keine Chance habe.
Alles Liebe, und schöne Feiertage