Was geschieht wenn ein Reiz das System überschreibt- anhören

von Nicole Paskow

Um zu verstehen, warum wir in bestimmten Momenten so schnell die Kontrolle verlieren, müssen wir einen Schritt zurücktreten und betrachten, was im Inneren eigentlich geschieht, wenn ein Reiz auftaucht. Nicht der Reiz selbst ist das Problem, sondern die Geschwindigkeit, mit der das System darauf reagiert. Wir erleben häufig erst die Reaktion und erst im Nachhinein den Auslöser. Das Gefühl, überrollt zu werden, entsteht genau dadurch: Das System entscheidet, bevor wir bewusst teilnehmen können.

Ein Reiz ist immer nur eine Information. Er kann visuell, akustisch, körperlich oder emotional sein. Doch die Bedeutung, die das System ihm gibt, entsteht nicht im Moment. Sie ist das Echo einer alten Priorität. Das Nervensystem hat gelernt, was wichtig ist. Es hat gelernt, worauf es achten muss, und aus welchen Gründen auch immer wurden bestimmte Informationen zu dominanten Markierungen im System. Sie besitzen Vorrang. Wenn ein Reiz auftaucht, der einer alten Information ähnelt, entfaltet sich dieselbe Bewegung wie damals – unabhängig davon, ob die Situation heute dieselbe ist oder nicht.

Das erklärt, warum Menschen immer wieder in dieselben emotionalen Muster fallen, obwohl sie wissen, dass der Anlass gering ist. Das System reagiert nicht auf den Anlass, sondern auf die gespeicherte Wichtigkeit. Es folgt seiner Ordnung. Und diese Ordnung entsteht nicht im Denken, sondern in einem Bereich, der schneller arbeitet als jede bewusste Einsicht. Genau deshalb wirkt Willenskraft nur begrenzt. Der Verstand möchte oft etwas anderes, doch das System folgt dem, was früher Priorität hatte und sich deshalb eingebrannt hat.

Das Tempo des Nervensystems

Diese Geschwindigkeit lässt uns glauben, dass Gefühle oder Gedanken uns überwältigen. Tatsächlich sind es jedoch die Prozesse im Hintergrund, die das Tempo bestimmen. Ein Reiz landet im System und löst eine Kaskade von Signalen aus, die schon abgeschlossen ist, bevor wir überhaupt bewusst entscheiden könnten. Das ist kein Fehler, sondern die Grundfunktion des menschlichen Organismus. Unser System handelt, bevor wir denken, weil es evolutionsbiologisch so angelegt ist. Nur dass in der modernen Welt die meisten Reize keine lebensbedrohlichen Folgen haben. Das System reagiert trotzdem so, als ginge es ums Überleben.

Wenn wir diesen Mechanismus verstehen, wird klar, warum die meisten inneren Übungen nicht tief genug greifen. Sie setzen auf der Ebene an, auf der wir bereits reagieren. Aber die Reaktion ist das Ergebnis, nicht die Ursache. Alles, was wir fühlen, denken oder tun, ist eine Folge der Priorität, die das System unsichtbar im Hintergrund setzt. Und solange diese Priorität unverändert bleibt, bleibt auch das Muster bestehen. Je stärker die alte Information war, desto konsequenter wird sie verteidigt.

Ein Reiz überschreibt uns, weil das System davon ausgeht, dass er wichtig ist. Wichtigkeit ist die einzige Währung, die das Nervensystem kennt. Was wichtig ist, wird blitzschnell umgesetzt. Was nicht wichtig ist, fällt durch das Raster. Das erklärt auch, warum manche Menschen kaum auf Kritik reagieren, während andere davon innerlich zu Boden gehen. Es ist eine Frage der Priorisierung, nicht der Persönlichkeit. Der Reiz selbst sagt nichts über den Menschen aus. Die Bedeutung, die das System ihm einst zugeschrieben hat, sagt alles.

Wichtigkeit als unsichtbare Steuerung

Wenn das wirklich erkannt ist, verliert das Reizthema seine Dramatik. Der Mechanismus ist neutral, präzise und völlig unpersönlich. Er ist schlicht eine automatische Gewichtung im Hintergrund. Und genau deshalb ist Veränderung überhaupt möglich. Denn wenn die Bedeutung eines Reizes nicht im Reiz selbst liegt, sondern in der Markierung des Systems, dann lässt sich diese Markierung verändern – weniger durch Einsicht, als durch eine Information, die auf derselben Ebene wirkt, auf der die alte Priorität entstanden ist.

Wir brauchen also nicht noch mehr Achtsamkeit, nicht mehr Disziplin, nicht mehr Analyse. Wir brauchen einen Zugang zu der Ebene, auf der der Reiz seine Wichtigkeit erhält. Einen Zugang, der schneller wirkt als der schnelle Mechanismus, weil er an der gleichen Stelle ansetzt. Dort, wo Reize bewertet und Reaktionen ausgelöst werden. Dort, wo das System entscheidet, bevor wir entscheiden. Und genau dieser Zugang war bisher verschlossen, weil wir keine Sprache dafür hatten.

Wenn ein Reiz das System überschreibt, übernimmt die alte Information die Kontrolle. Aber eine neue Information, die klar und präzise genug ist, kann diese Kontrolle verschieben. Sie kann das System neu ordnen, ohne gegen das Muster anzukämpfen. Sie kann Prioritäten neu setzen, bevor der Reiz die alte Struktur aktiviert. Und genau darin liegt die Grundlage von Direct System Code: eine Sprache, die den Reiz nicht bekämpft, sondern seine Bewertung neu markiert.

Eine Sprache unterhalb der Reaktion

Damit wird der Reiz nicht schwächer, aber er verliert seine alte Bedeutung. Er taucht im System immer noch auf, aber er setzt sich nicht mehr durch. Und zum ersten Mal entsteht Raum zwischen Reiz und Reaktion. Ein Raum, der nicht durch Willenskraft entsteht, sondern durch Klarheit im System selbst.

* Dies ist der dritte Teil einer siebenteiligen Reihe über die tiefere Funktionsweise unseres inneren Systems – darüber, warum wir Muster wiederholen, obwohl wir sie längst durchschauen, und welche Art von Sprache das Nervensystem tatsächlich versteht.

Den ersten Teil findest Du hier:
Warum KI Technologie uns nie ersetzen kann
Den zweiten Teil findest Du hier:
Warum uns die Sprache für unser eigenes System fehlt
Den dritten Teil findest Du hier:
Was geschieht, wenn ein Reiz das System überschreibt?
Den vierten Teil findest Du hier:
Die Grenzen der Selbstbeobachtung
Den fünften Teil findest Du hier:
Warum wir unser eigenes System nie eindeutig ansprechen konnten
Den sechsten Teil findest Du hier:
Warum echte Veränderung kaum auffällt
Den siebten Teil findest Du hier:
Direct System Code: Ein praktischer Zugang zu innerer Neuordnung

Am Ende der Reihe stelle ich ein Format vor, das auf dieser Erkenntnis aufbaut: Direct System Code: Ein Einstieg in die Sprache, die das System selbst erkennt.

 

Wenn Dich dieser Beitrag inspiriert hat, freue ich mich über eine Spende Deiner Wahl. Bitte „Schenkung“ im Verwendungszweck angeben.Danke.

Zur Buchung eines Gespräches geht es hier entlang

In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.