Manchmal hat man das Gefühl, es wird eher schlimmer als besser. Genau in dem Moment, in dem einem auffällt, wie viel von dem, was in einem geschieht, eine Reaktion ist. Eine Reaktion auf Gedanken, die sich festsetzen wie Kletten, oder auf Gefühle, die plötzlich den ganzen Raum einnehmen, als hätten sie beschlossen, jetzt das Kommando zu übernehmen.
Man wünscht sich Klarheit. Und landet immer wieder in dieser Verstrickung, die sich anfühlt wie ein Knäuel, das man eigentlich entwirren wollte und dabei nur noch fester zusammenzieht. Je mehr man hinschaut, desto mehr scheint sich zu zeigen. Je mehr man verstehen will, desto dichter wirkt es. Und irgendwann steht man da und denkt, so war das nicht geplant.
Viele drehen an dieser Stelle um, oder versuchen es zumindest. So, als könnte man sich wieder zurückbewegen in einen Zustand, in dem das alles noch nicht sichtbar war. Nur funktioniert das nicht. Wenn etwas einmal klar gesehen wurde, bleibt es im Raum. Es ist wie mit einer Sprache, die man verstanden hat. Man kann die Worte hören und so tun, als hätte man sie nie gelernt. Und trotzdem versteht man sie.
Der Wunsch, wieder zurückzugehen
Also entsteht dieser leise Wunsch, wieder zurück in etwas Unbewussteres zu gehen. In einen Zustand, der sich im Nachhinein leichter anfühlt, übersichtlicher, fast friedlich. Wie ein Raum im Halbdunkel, in dem alles weicher wirkt, weil man die Details gar nicht erkennt.
Und dann kommt dieses Licht, wie ein Fenster, das plötzlich aufgerissen wird. Es fällt auf alles. Auf die Gedanken, die sich widersprechen, auf die Gefühle, die sich überlagern, auf die kleinen inneren Bewegungen, die vorher einfach durchgelaufen sind, ohne dass man sie bemerkt hat. Und plötzlich wirkt alles intensiver, dichter, fast unübersichtlich.
Da entsteht schnell der Eindruck, man hätte sich verirrt. Dabei passiert etwas anderes. Man sieht zum ersten Mal, wie es wirklich läuft.
Was wirklich sichtbar wird
Vorher war da eine Art glatte Oberfläche. Ein Gefühl von „so bin ich“, „so ist das gerade“. Jetzt wird sichtbar, dass unter dieser Oberfläche Bewegung ist. Viele Bewegungen. Kleine Impulse, die ineinandergreifen, sich verstärken, sich widersprechen. Es ist, als hätte man jahrelang auf einen ruhigen See geschaut und plötzlich merkt man, dass darunter Strömungen sind, die die Oberfläche die ganze Zeit geformt haben.
Und genau das fühlt sich im ersten Moment chaotischer an, weil die Einfachheit wegfällt. Weil man merkt, dass das, was man für Klarheit gehalten hat, oft einfach eine Reduktion war. Ein Weglassen, ein Übersehen. Keine bewusste Täuschung, eher eine Art funktionales Vereinfachen, damit das Ganze handhabbar bleibt.
Wenn das wegbricht, wirkt alles komplexer. Und dann passiert etwas sehr Feines, das leicht übersehen wird. Zu dem, was ohnehin da ist, kommt eine zweite Bewegung hinzu.
Die zweite Bewegung
Ein Gedanke taucht auf. Ein Gefühl breitet sich aus. Und fast gleichzeitig entsteht eine Reaktion darauf. Eine leise Stimme, die kommentiert, die einordnet, die etwas damit machen will. Die sagt, das sollte anders sein. Oder das müsste man jetzt klären. Oder das ist doch schon wieder dieses alte Muster. Diese zweite Bewegung läuft so schnell, dass sie lange Zeit gar nicht auffällt. Man erlebt einfach „sich“.
Erst wenn man genauer hinschaut, beginnt sich das zu trennen. Dann sieht man, dass da etwas ist. Und dass da etwas ist, das darauf reagiert. Und genau diese zweite Ebene ist oft der Punkt, an dem sich alles verdichtet.
Weil sie ständig etwas will: Klarheit, Ruhe, Ordnung, ein besseres Gefühl. Einen Zustand, der sich stimmig anfühlt. Und je mehr man sich bemüht, dahin zu kommen, desto aktiver wird diese Bewegung. Sie greift sogar das Sehen selbst auf. Man beginnt, die eigene Wahrnehmung zu beobachten. Zu prüfen, ob man „richtig“ sieht. Ob man schon klar genug ist, ob man weiter ist als gestern.
Die Schleife, die sich selbst antreibt
So entsteht eine Schleife, die sich selbst antreibt.
Und irgendwann wirkt es, als würde man sich immer weiter darin verfangen, dabei ist genau das der Moment, in dem sich etwas Entscheidendes zeigt. Die Dynamik selbst wird sichtbar.
Nicht nur das, was in einem passiert, sondern auch das, was man daraus macht. Und das fühlt sich selten wie ein Fortschritt an. Es fühlt sich eher an, als würde einem der Boden unter den Füßen etwas unsicher werden, weil die alten Bezugspunkte nicht mehr so zuverlässig greifen.
Der Punkt, an dem viele kippen
Hier kippen viele. Weil sie merken, dass sie mit dem, was sie bisher gemacht haben, nicht weiterkommen. Mehr analysieren bringt keine Ruhe, mehr verstehen bringt keine Stabilität. Mehr versuchen bringt oft nur mehr Bewegung.
Und genau da liegt die stille Verschiebung.
Sie hat nichts Spektakuläres, sie besteht darin, dass man aufhört, aus allem sofort etwas machen zu wollen. Dass ein Gedanke einfach auftauchen darf, ohne dass er direkt weitergeführt wird. Dass ein Gefühl da sein kann, ohne dass sofort eine Richtung daraus entsteht. Dass selbst die Reaktion darauf gesehen wird, ohne dass sie gleich wieder korrigiert werden muss.
Der Raum, der daraus entsteht
Das klingt unscheinbar und genau deshalb wird es oft übergangen. Weil man etwas anderes erwartet hat. Etwas Deutlicheres. Etwas, das sich wie eine Lösung anfühlt. Stattdessen entsteht etwas, das sich eher wie Raum anfühlt. Ein Raum, in dem sich alles bewegen kann, ohne dass es sofort festgelegt wird.
Gedanken kommen und gehen darin, Gefühle ebenso. Auch Unruhe kann da sein, auch Klarheit. Es wechselt und bleibt lebendig.
Der Unterschied liegt darin, dass weniger gezogen wird, weniger in eine Richtung, weniger festgehalten, weniger weggeschoben. Und genau das verändert mehr, als es zunächst scheint.
Eine andere Form von Stabilität
Es entsteht eine andere Form von Stabilität. Keine, die auf Kontrolle basiert. Eher eine, die daraus entsteht, dass weniger kontrolliert werden muss. Das fühlt sich am Anfang oft unspektakulär an. Fast enttäuschend, weil es keine große Erlösung mit sich bringt, kein klares „Jetzt ist es gut“.
Und gleichzeitig liegt genau darin eine Tiefe, die vorher nicht zugänglich war. Weil nichts mehr ausgeblendet werden muss und alles da sein darf, ohne dass sofort etwas daraus entstehen muss.
Das ist der Punkt, an dem sich die Richtung wirklich verändert, weil das ständige Kämpfen gegen das, was ohnehin geschieht, langsam an Kraft verliert.
Inneres Sehen lernen und vertiefen: Das Seminar in Heidelberg
🙏 Danke Nicole, wie gut du das alles in Worte beschreiben kannst. Wow… Ich bin berührt vom Lesen, weil ich es auch so kenne, mich darin erkenne… Es sickert gerade etwas tiefer und morgen werde ich diesen Text bestimmt nochmal anhören….
Danke für Dein Feedback, liebe Isabell. Ich freue mich, dass eine tiefere Ebene in Dir berührt wurde. LG Nicole
Liebe Nicole,
genauer hinschauen, sehen lernen und so sein lassen können wie es ist, ohne sich selbst anzutreiben, unser – so sein – verändern oder manipulieren zu wollen.
Unsere Emotionalität zugleich aus einer gewissen Distanz und doch direkter Nähe zu erleben, ohne interpretieren, bewerten oder urteilen zu müssen oder zu wollen.
Und doch ist es immer wieder eine Herausforderung sich nicht gehen oder treiben zu lassen, einfach zu sein ohne sich irgendwann doch scheinbar unbemerkt, in Gefühlen zu verstricken.
So lange wir unsere Aufmerksamkeit und Achtsamkeit pflegen, lösen wir uns zumeist mit einer gewissen Leichtigkeit aus unserer Befangenheit oder einem empfundenen „Gefangensein“.
Doch unser Leben, unsere Lebendigkeit die wir weder kontrollieren noch manipulieren wollen, hält immer wieder Überraschungen für uns bereit.
Bewegung, Veränderung und Wachstum geschieht wenn wir es zulassen scheinbar wie von selbst, durch zulassen, annehmen, sehen oder auf neue Art und Weise verstehen lernen.
Lieber Werner,
ich sag es noch klarer:
In Dir passiert etwas. Ein Gefühl, ein Gedanke, irgendetwas taucht auf.
Und fast gleichzeitig passiert noch etwas Zweites:
Ein Teil in Dir will etwas damit machen. Verstehen, verändern, loswerden oder besser machen. Viele denken dann, sie müssten lernen, damit anders umzugehen. Ruhiger werden, mehr zulassen, bewusster sein.
Aber genau das ist schon wieder diese zweite Bewegung.
Worum es mir geht, ist etwas anderes. Es geht nur darum, direkt zu sehen, was gerade passiert. Ohne etwas damit zu tun.
Zu sehen:
Da ist ein Gefühl. Und da ist auch der Impuls, etwas damit machen zu wollen.
Beides einfach sehen. Kein Eingreifen und auch nicht Verbessern und auch keine neue Technik.
Nur sehen und damit erkennen, was sowieso schon passiert. Das macht den Unterschied. Es ist kein Tun. Es ist ein Sehen. LG Nicole
Liebe Nicole,
oft schon habe ich gedacht „Ach, schau, Nicole beschreibt etwas, was sich gerade ähnlich in mir zeigt.“ Ich danke Dir für Dich. Sei gesegnet, Ruth
Liebe Nicole,
was ich durch Dich sehen lernen durfte, ist, Zustände wie Gefühle, Stimmungen, Gedanken mitzubekommen und Gefühle zu fühlen.
Da ist aktuell ein unangenehmes Gefühl, das breitet sich im Körper aus, und der Gedanke ist da, weg damit. Dann ist eine andere Stimme da, die sagt, fühle es einfach. OK. Ich fühle. Und gleichzeitig bemerke ich eine Schnittstelle, eine feine Lücke, da scheint immer noch ein „ich will es anders haben“ durch. Es kommen Erklärungen, den Zustand verstehen zu wollen, ein ringen ums überleben und es ist so, wie Du es beschreibst. Ein reaktives Tun/verändern wollen ist so stark. Die Idee „damit zu sein“, ist wie ein Konzept, nachdem der Verstand sucht. …. Es fühlt sich immer noch unangenehm an. Das alles mitzubekommen ist anstrengend, aber aus der Erfahrung heraus weiß ich, auch das geht vorbei. Ich muss jetzt damit nichts machen.
Danke für Deinen Text. Lieben Gruß, Beatrice