Es wird nicht schlimmer. Du siehst nur genauer hin - anhören

von Nicole Paskow

Manchmal hat man das Gefühl, es wird eher schlimmer als besser. Genau in dem Moment, in dem einem auffällt, wie viel von dem, was in einem geschieht, eine Reaktion ist. Eine Reaktion auf Gedanken, die sich festsetzen wie Kletten, oder auf Gefühle, die plötzlich den ganzen Raum einnehmen, als hätten sie beschlossen, jetzt das Kommando zu übernehmen.

Man wünscht sich Klarheit. Und landet immer wieder in dieser Verstrickung, die sich anfühlt wie ein Knäuel, das man eigentlich entwirren wollte und dabei nur noch fester zusammenzieht. Je mehr man hinschaut, desto mehr scheint sich zu zeigen. Je mehr man verstehen will, desto dichter wirkt es. Und irgendwann steht man da und denkt, so war das nicht geplant.

Viele drehen an dieser Stelle um, oder versuchen es zumindest. So, als könnte man sich wieder zurückbewegen in einen Zustand, in dem das alles noch nicht sichtbar war. Nur funktioniert das nicht. Wenn etwas einmal klar gesehen wurde, bleibt es im Raum. Es ist wie mit einer Sprache, die man verstanden hat. Man kann die Worte hören und so tun, als hätte man sie nie gelernt. Und trotzdem versteht man sie.

Der Wunsch, wieder zurückzugehen

Also entsteht dieser leise Wunsch, wieder zurück in etwas Unbewussteres zu gehen. In einen Zustand, der sich im Nachhinein leichter anfühlt, übersichtlicher, fast friedlich. Wie ein Raum im Halbdunkel, in dem alles weicher wirkt, weil man die Details gar nicht erkennt.

Und dann kommt dieses Licht, wie ein Fenster, das plötzlich aufgerissen wird. Es fällt auf alles. Auf die Gedanken, die sich widersprechen, auf die Gefühle, die sich überlagern, auf die kleinen inneren Bewegungen, die vorher einfach durchgelaufen sind, ohne dass man sie bemerkt hat. Und plötzlich wirkt alles intensiver, dichter, fast unübersichtlich.

Da entsteht schnell der Eindruck, man hätte sich verirrt. Dabei passiert etwas anderes. Man sieht zum ersten Mal, wie es wirklich läuft.

Was wirklich sichtbar wird

Vorher war da eine Art glatte Oberfläche. Ein Gefühl von „so bin ich“, „so ist das gerade“. Jetzt wird sichtbar, dass unter dieser Oberfläche Bewegung ist. Viele Bewegungen. Kleine Impulse, die ineinandergreifen, sich verstärken, sich widersprechen. Es ist, als hätte man jahrelang auf einen ruhigen See geschaut und plötzlich merkt man, dass darunter Strömungen sind, die die Oberfläche die ganze Zeit geformt haben.

Und genau das fühlt sich im ersten Moment chaotischer an, weil die Einfachheit wegfällt. Weil man merkt, dass das, was man für Klarheit gehalten hat, oft einfach eine Reduktion war. Ein Weglassen, ein Übersehen. Keine bewusste Täuschung, eher eine Art funktionales Vereinfachen, damit das Ganze handhabbar bleibt.

Wenn das wegbricht, wirkt alles komplexer. Und dann passiert etwas sehr Feines, das leicht übersehen wird. Zu dem, was ohnehin da ist, kommt eine zweite Bewegung hinzu.

Die zweite Bewegung

Ein Gedanke taucht auf. Ein Gefühl breitet sich aus. Und fast gleichzeitig entsteht eine Reaktion darauf. Eine leise Stimme, die kommentiert, die einordnet, die etwas damit machen will. Die sagt, das sollte anders sein. Oder das müsste man jetzt klären. Oder das ist doch schon wieder dieses alte Muster. Diese zweite Bewegung läuft so schnell, dass sie lange Zeit gar nicht auffällt. Man erlebt einfach „sich“.

Erst wenn man genauer hinschaut, beginnt sich das zu trennen. Dann sieht man, dass da etwas ist. Und dass da etwas ist, das darauf reagiert. Und genau diese zweite Ebene ist oft der Punkt, an dem sich alles verdichtet.

Weil sie ständig etwas will: Klarheit, Ruhe, Ordnung, ein besseres Gefühl. Einen Zustand, der sich stimmig anfühlt. Und je mehr man sich bemüht, dahin zu kommen, desto aktiver wird diese Bewegung. Sie greift sogar das Sehen selbst auf. Man beginnt, die eigene Wahrnehmung zu beobachten. Zu prüfen, ob man „richtig“ sieht. Ob man schon klar genug ist, ob man weiter ist als gestern.

Die Schleife, die sich selbst antreibt

So entsteht eine Schleife, die sich selbst antreibt.

Und irgendwann wirkt es, als würde man sich immer weiter darin verfangen, dabei ist genau das der Moment, in dem sich etwas Entscheidendes zeigt. Die Dynamik selbst wird sichtbar.

Nicht nur das, was in einem passiert, sondern auch das, was man daraus macht. Und das fühlt sich selten wie ein Fortschritt an. Es fühlt sich eher an, als würde einem der Boden unter den Füßen etwas unsicher werden, weil die alten Bezugspunkte nicht mehr so zuverlässig greifen.

Der Punkt, an dem viele kippen

Hier kippen viele. Weil sie merken, dass sie mit dem, was sie bisher gemacht haben, nicht weiterkommen. Mehr analysieren bringt keine Ruhe, mehr verstehen bringt keine Stabilität. Mehr versuchen bringt oft nur mehr Bewegung.

Und genau da liegt die stille Verschiebung.

Sie hat nichts Spektakuläres, sie besteht darin, dass man aufhört, aus allem sofort etwas machen zu wollen. Dass ein Gedanke einfach auftauchen darf, ohne dass er direkt weitergeführt wird. Dass ein Gefühl da sein kann, ohne dass sofort eine Richtung daraus entsteht. Dass selbst die Reaktion darauf gesehen wird, ohne dass sie gleich wieder korrigiert werden muss.

Der Raum, der daraus entsteht

Das klingt unscheinbar und genau deshalb wird es oft übergangen. Weil man etwas anderes erwartet hat. Etwas Deutlicheres. Etwas, das sich wie eine Lösung anfühlt. Stattdessen entsteht etwas, das sich eher wie Raum anfühlt. Ein Raum, in dem sich alles bewegen kann, ohne dass es sofort festgelegt wird.

Gedanken kommen und gehen darin, Gefühle ebenso. Auch Unruhe kann da sein, auch Klarheit. Es wechselt und bleibt lebendig.

Der Unterschied liegt darin, dass weniger gezogen wird, weniger in eine Richtung, weniger festgehalten, weniger weggeschoben. Und genau das verändert mehr, als es zunächst scheint.

Eine andere Form von Stabilität

Es entsteht eine andere Form von Stabilität. Keine, die auf Kontrolle basiert. Eher eine, die daraus entsteht, dass weniger kontrolliert werden muss. Das fühlt sich am Anfang oft unspektakulär an. Fast enttäuschend, weil es keine große Erlösung mit sich bringt, kein klares „Jetzt ist es gut“.

Und gleichzeitig liegt genau darin eine Tiefe, die vorher nicht zugänglich war. Weil nichts mehr ausgeblendet werden muss und alles da sein darf, ohne dass sofort etwas daraus entstehen muss.

Das ist der Punkt, an dem sich die Richtung wirklich verändert, weil das ständige Kämpfen gegen das, was ohnehin geschieht, langsam an Kraft verliert.

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In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.