Mit allem sein-außer mit mir selbst? - anhören

von Nicole Paskow

 

Es gibt ein verbreitetes Bild vom spirituellen Erwachen, das sich hartnäckig hält: Wenn ich „wirklich erwacht“ bin, dann bin ich in Frieden. Dann lasse ich los. Dann macht es mir nichts mehr aus, was andere sagen oder tun. Dann bin ich unberührt von äußeren Umständen – vielleicht sogar gleichgültig. Und vor allem: Dann bin ich endlich losgelöst von meinen emotionalen Turbulenzen. Endlich still. Endlich frei.

Doch genau dieses Bild ist – so verlockend es auch klingt – oft eine spirituelle Illusion. Eine, die viele Menschen auf ihrem Weg festhält, statt sie zu befreien.

Denn wahres Erwachen schließt nichts aus. Am wenigsten Dich selbst.

Die stille Falle: Ich bin erst „richtig“, wenn ich nichts mehr fühle

Viele meiner Klientinnen berichten mir von diesem Wunschzustand: einem „Danach“, in dem die eigenen Gedanken und Gefühle keine Rolle mehr spielen. Sie warten darauf, dass der innere Kampf verschwindet – nicht, weil sie Frieden mit sich geschlossen hätten, sondern weil sie hoffen, dass nichts mehr da ist, mit dem man kämpfen müsste.

Diese Vorstellung ist subtil – und sehr verführerisch. Sie klingt nach Frieden, ist aber oft nur eine neue Form des Widerstands.

Denn es geht nicht darum, nicht mehr zu fühlen, sondern mit allem zu sein, was gefühlt wird.
Und das bedeutet: Mit Dir selbst sein. Mit Deinem innersten Erleben – nicht darüber hinweg, nicht daneben, nicht „aus einer höheren Perspektive“, die sich davon absetzt.
Sondern: mittendrin. Weit. Offen. Ungeteilt.

Widerstand verkleidet sich gern spirituell

Stell Dir eine Frau vor, nennen wir sie Anna. Anna hat viele Jahre meditiert, Bücher gelesen, sich mit Advaita beschäftigt, Retreats besucht. Sie kennt die Sprache des Nicht-Ichs, hat tiefe Erfahrungen gemacht – und ist dennoch regelmäßig erschöpft, wenn ihr Chef sie kritisiert. Sie fühlt sich klein, kämpft mit Schuldgefühlen, zweifelt an sich – und dann verurteilt sie sich dafür, dass sie das noch spürt.

„Ich sollte doch inzwischen darüberstehen.“
„Das ist nur ein Ego-Gefühl.“
„Ich bin noch nicht weit genug.“

Was hier passiert, ist kein spirituelles Versagen – es ist ein Denkfehler.

Denn Anna versucht, das, was auftaucht, auszugrenzen. Und das ist genau das Gegenteil von wirklicher Präsenz.

Erwachen ist nicht das Ende des Ichs – sondern das Durchschauen seiner Illusion

In Wahrheit ist nicht das Gefühl das Problem – sondern der Widerstand gegen das Gefühl. Der Kommentar, der sagt: „Das dürfte jetzt nicht mehr da sein.“

Und dieser Kommentar gehört zu dem alten Ich-Bewusstsein, das sich immer weiter optimieren will, sogar auf dem spirituellen Weg.

Doch was geschieht, wenn dieser Widerstand einfach wegfällt?

Dann bleibt: Wahrnehmung.
Unmittelbar. Offen.
Und in ihr taucht alles auf – Gedanken, Gefühle, Körperregungen, Erinnerungen, Stimmen. Aber es ist niemand mehr da, der etwas dagegen hätte.

Das ist kein Desinteresse – im Gegenteil. Es ist die tiefste Beteiligung, weil kein Teil des Lebens mehr ausgeschlossen wird.

Innen und Außen – eine künstliche Trennung

Viele Menschen stellen sich vor, Erwachen bedeute, dass das Außen sie nicht mehr berührt. Dass sie auf Kritik, Ablehnung oder Schmerz nicht mehr reagieren würden.
Doch sie übersehen dabei etwas Grundlegendes: Es gibt kein Außen ohne ein Innen, das darauf reagiert.

Was wir als „Außen“ erleben, ist immer durch das Innen gefärbt. Unsere Reaktionen, unsere Gefühle, unsere Geschichten sind Teil dieses Erlebens.

Wenn wir also glauben, dass wir „mit allem sein können“, aber dabei unsere eigenen Gefühle ausschließen, haben wir das Wesentliche übersehen:
Das, was Du fühlst – ist Teil dessen, was ist. Und damit untrennbar mit dem verbunden, womit Du „sein willst“.

Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag

Stell Dir vor, jemand sagt Dir etwas Unangenehmes. Du spürst, wie es Dich trifft – vielleicht im Bauch, vielleicht im Hals. Es zieht sich etwas zusammen. Doch gleichzeitig sagt ein Gedanke:
„Ich bin erwacht. Ich sollte das gelassen sehen.“

Was passiert jetzt?
Ein Teil in Dir stellt sich über das Gefühl – und bekämpft es. Nicht offensichtlich, aber subtil: durch Analyse, durch spirituelle Konzepte, durch Distanz.

Wenn Du aber stattdessen einfach nur mit dem Gefühl bist – ohne es benennen, analysieren oder loswerden zu wollen – dann geschieht etwas anderes:
Es darf sich zeigen.
Es darf sich ausdrücken.
Und oft löst es sich dann einfach auf – wie ein Nebel, der keinen Widerstand mehr spürt.

Wirklicher Friede ist nicht gleichgültig – sondern durchlässig

Wenn Gedanken und Gefühle einfach auftauchen dürfen, verlieren sie ihre Schwere. Nicht, weil sie unwichtig wären, sondern weil niemand mehr da ist, der gegen sie ankämpft.
Der innere Raum wird weich, durchlässig, weit.
Und paradoxerweise hören viele „negative“ Gefühle auf, überhaupt zu erscheinen – weil sie nur durch unseren inneren Widerstand aufrechterhalten wurden.

Die Gleichung, die alles verändert

Viele Menschen wollen, dass sich das Außen auflöst – also die schwierigen Situationen, die Reibungen mit anderen, das Gefühl des Getrenntseins.
Aber solange sie das Innen nicht mit in die Gleichung nehmen – also ihre eigenen Gefühle, Reaktionen, Empfindungen – bleibt die Trennung bestehen.

Das Außen verschwindet erst, wenn das Innen nicht mehr als privat beansprucht wird. Wenn alles als Erscheinung in ein und derselben Wahrnehmung gesehen wird – ohne Zentrum, ohne Ich.

Dann löst sich das Gefühl der Abspaltung auf.
Nicht, weil „nichts mehr da ist“. Sondern weil es keinen Widerstand mehr gegen das gibt, was da ist.

Erwachen ist keine Betäubung, sondern lebendige Präsenz

Wenn wir aufhören, Erwachen als Zustand der Gleichgültigkeit zu sehen, öffnen wir uns für das, was es wirklich ist:
Ein völliges Ja zur Wirklichkeit – auch zu der, die sich durch uns selbst ausdrückt.

Ein Ja zu allem, was auftaucht – auch zu den alten Mustern, Gefühlen, Schwächen.
Denn genau in dem Moment, wo nichts mehr ausgeschlossen wird, wird alles durchlässig.
Und die Vorstellung von einem Ich, das sich verteidigen oder rechtfertigen müsste, fällt in sich zusammen – wie ein Schatten, der nie Substanz hatte.

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In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.