Wenn das Leben uns mitten hineinzieht - anhören

von Nicole Paskow

Es gibt Momente, in denen das Leben keine Vorwarnung schickt. Kein inneres Zeichen, kein leises Anklopfen, keine vorbereitende Bewegung, durch die wir uns sammeln könnten. Etwas geschieht, oft scheinbar klein von außen betrachtet, ein Satz, eine Nachricht, ein Blick, eine plötzliche Veränderung im Verhalten eines Menschen, und in uns ist es, als würde eine Tür aufgestoßen, hinter der längst etwas auf seine Aktivierung gewartet hat.

Der Körper reagiert schneller als alles, was wir Bewusstsein nennen. Noch bevor wir verstehen, was uns getroffen hat, ist der Bauch eng, das Herz schlägt anders, der Atem verliert seine Weite, und die Gedanken beginnen, sich mit einer Geschwindigkeit zu bewegen, die kaum einzuholen ist. Ein Gedanke zieht den nächsten nach sich, eine Vermutung verbindet sich mit einer Erinnerung, aus einer Erinnerung entsteht eine Geschichte, aus der Geschichte ein Gefühl, und aus dem Gefühl wächst der Drang, etwas zu tun, etwas zu klären, zu prüfen, zu retten, zu verhindern oder zurückzuholen.

In solchen Augenblicken sind wir nicht vorbereitet. Wir können es auch nicht sein. Kein Mensch kann sich für jede innere Erschütterung im Voraus rüsten, weil das Leben uns gerade dort trifft, wo wir unsere eigene Verwundbarkeit noch nicht kennen. Es erwischt uns an Stellen, die klug, reif und durchschaut wirken, solange nichts daran rührt. Dann kommt ein Ereignis, und plötzlich merken wir, dass nicht unsere Einsicht reagiert, sondern ein viel älterer Teil in uns, ein Teil, der keine Theorie kennt und keine schöne Haltung einnehmen kann.

Der Sog der eigenen Geschichte

Wer einmal in einen solchen inneren Sog geraten ist, weiß, wie vollständig er werden kann. Die Welt verengt sich, obwohl äußerlich alles weitergeht. Man beantwortet Nachrichten, erledigt Termine, spricht mit Menschen, und gleichzeitig läuft innen ein zweites Leben, das alles überlagert. Der Körper ist anwesend, doch die Wahrnehmung kreist um eine Frage, eine Verletzung, eine Angst oder eine Möglichkeit, die sich immer weiter ausdehnt.

Das Gefährliche daran ist, dass sich diese inneren Bewegungen nicht wie Gedanken anfühlen. Sie fühlen sich wie Wahrheit an. Die Angst tritt auf wie eine Warnung, die unbedingt ernst genommen werden muss. Eifersucht erscheint wie ein Beweis, der nur noch nicht vollständig ausgesprochen wurde. Verzweiflung legt sich über das Leben wie ein endgültiges Urteil. Hilflosigkeit nimmt den Raum einer Tatsache ein, gegen die nichts mehr auszurichten ist.

Von außen betrachtet könnte man sagen, dass jemand überreagiert, sich hineinsteigert oder den Abstand verloren hat. Von innen gibt es diesen Abstand gerade nicht. Wer mitten darin steckt, erlebt keinen Vorgang, den er sachlich beobachten kann, sondern eine Wirklichkeit, die ihn beansprucht. Die eigenen Gedanken haben Gewicht, der Körper liefert die passenden Signale, und jede neue Wahrnehmung wird in die Geschichte eingefügt, die bereits läuft.

Manchmal dauert das nur einen Abend. Ein anderes Mal zieht es sich über Tage, und das nächste Mal über Wochen. Besonders quälend ist dieses Wiedererwachen am Morgen, wenn der Körper noch müde ist und die Geschichte trotzdem schon da steht, als hätte sie am Bett gewartet. Noch bevor der erste klare Gedanke auftaucht, ist die Spannung wieder im System, und man begreift, dass man nicht einfach entschieden hat, sich damit zu beschäftigen. Es beschäftigt einen.

Die Sehnsucht, endlich unberührbar zu sein

Aus solchen Zuständen entsteht ein verständlicher Wunsch. Man möchte frei sein von diesem Überrolltwerden. Man möchte nicht mehr in Geschichten verschwinden, nicht mehr von Gedanken getrieben werden, nicht mehr aus einem inneren Alarm heraus handeln. Nach einer solchen Erfahrung klingt jeder Zustand verlockend, in dem nichts mehr anhaftet, in dem Gefühle kommen und gehen, ohne uns mitzunehmen, in dem Gedanken erscheinen, ohne den Körper in Aufruhr zu versetzen.

Genau an dieser Stelle werden Menschen anfällig für spirituelle Versprechen. Das ist kein Vorwurf. Wer leidet, sucht nach einem Ausweg, und wer immer wieder erlebt hat, wie stark ihn das eigene Innere überfluten kann, versteht sofort die Sehnsucht nach einem Frieden, der bleibt. Viele Lehren scheinen diesen Frieden zu meinen, und viele Praktiken werden in der Hoffnung begonnen, irgendwann einen inneren Zustand zu erreichen, in dem das Leben zwar weiter geschieht, aber nichts mehr wirklich eindringt.

Meditation, Selbsterforschung, Atem, Stille, Rückzug und die Schulung der Wahrnehmung können wertvoll sein. Problematisch wird es an dem Punkt, an dem daraus die heimliche Hoffnung entsteht, eines Tages ein Mensch zu werden, den das Leben nicht mehr kalt erwischt. Dann wird jede starke Emotion zu einem Zeichen von Unreife. Jede Verwicklung wirkt wie ein Rückschritt. Jeder Anflug von Angst, Neid, Eifersucht, Wut oder Verzweiflung scheint zu beweisen, dass man noch nicht frei genug ist.

So entsteht ein feiner, kaum bemerkter Druck. Man kämpft nicht mehr nur mit dem Schmerz, sondern zusätzlich mit der Vorstellung, diesen Schmerz eigentlich längst transzendiert haben zu müssen. Man leidet an der Erfahrung und an dem Urteil über die Erfahrung. Der spirituelle Anspruch legt sich dann wie eine zweite Haut über das Menschliche und macht alles enger, obwohl er Befreiung versprochen hatte.

Der andere Blick

Für mich lag der entscheidende Wandel darin, diese Richtung zu hinterfragen. Lange erschien es mir sinnvoll, mich aus dem herausziehen zu wollen, was in mir geschieht. Mehr Abstand, weniger Identifikation, mehr Gelassenheit, weniger Reaktion. Das klingt vernünftig, und in einer bestimmten Phase kann es sogar helfen, weil ein erster Abstand überhaupt wieder Luft bringt.

Irgendwann wurde jedoch sichtbar, dass auch der Wunsch nach Abstand eine Form von Widerstand enthalten kann. Solange Angst als etwas gilt, aus dem ich herauskommen muss, bleibt sie ein Gegner. Solange Eifersucht als etwas betrachtet wird, das meine spirituelle Entwicklung stört, bekommt sie zusätzlich Schwere. Solange Verzweiflung nur weg soll, muss sie sich im Inneren immer wieder melden, weil sie nicht gesehen wurde, sondern behandelt werden sollte wie ein Fehler im System.

Der andere Blick ist viel schlichter und zugleich radikaler. Er fragt nicht zuerst danach, wie man aus dem Zustand herauskommt. Er bemerkt, was da ist. Angst im Bauch. Druck in der Brust. Der Impuls, eine Nachricht zu schreiben. Die Suche nach Sicherheit. Das Bedürfnis, recht zu haben. Die alte Verletzung, die sich plötzlich in einer gegenwärtigen Situation wiederfindet. Die Hilflosigkeit, die den Körper klein macht. Die Wut, die Energie gibt, weil Ohnmacht kaum auszuhalten ist.

Dieses Bemerken ist keine Methode, mit der man sich innerlich geschickt beruhigt. Es ist näher, einfacher, entwaffnender. Es macht aus dem Erleben kein Projekt. Es schaut nicht von oben herab. Es stellt sich auch nicht über den Menschen, der gerade leidet. Es ist eher eine stille Genauigkeit, die mitbekommt, was geschieht, während es geschieht, soweit das in diesem Moment möglich ist.

Frieden wird nicht gemacht

An dieser Stelle braucht es große Genauigkeit, weil die Sprache schnell wieder in die alte Richtung kippt. Der Frieden entsteht nicht, weil wir etwas richtig bemerken. Er ist keine Belohnung für gelungene Wahrnehmung, keine Wirkung einer Technik, kein innerer Zustand, den man nach genügend Übung herstellen kann. Im Bemerken wird er eher freigelegt, als würde für einen Augenblick sichtbar, dass unter dem Lärm etwas unversehrt geblieben ist.

Auch mitten in der Verwicklung ist dieser Frieden nicht weg. Er wird nur nicht erkannt. Die Gedanken werden laut, der Körper wird eng, die Geschichte bekommt die ganze Bühne, und dennoch gibt es die Möglichkeit, all das zu erfahren. Diese offene Möglichkeit ist so selbstverständlich, dass wir sie meistens übersehen. Wir suchen nach einem besonderen Zustand und bemerken nicht, dass das, was jeden Zustand wahrnimmt, schon anwesend ist.

Das klingt schlicht, ist im konkreten Leben jedoch fein und anspruchsvoll. Wenn die Identifikation stark ist, kann niemand sie einfach auflösen. Man kann sich nicht befehlen, klar zu sehen. Man kann Wahrnehmung nicht erzwingen wie eine Leistung. Es gibt Momente, in denen man vollständig hineingezogen wird, und erst später, viel später, erkennt man, was geschehen ist. Auch dieses spätere Erkennen gehört dazu. Es ist keine Niederlage, wenn das Sehen erst nach dem Sturm möglich wird.

Mit der Zeit kann man in dieser Sichtweise heimischer werden. Allerdings nicht durch Druck, nicht durch spirituelle Selbstoptimierung und auch nicht durch den Versuch, endlich ein unerschütterlicher Mensch zu sein. Eher dadurch, dass man immer wieder zurückkehrt zu dieser einfachen Genauigkeit: Was geschieht gerade in mir? Welche Geschichte läuft? Welche Angst spricht? Welcher Teil will handeln, bevor überhaupt klar ist, was wahr ist?

Menschlich bleiben und sehen

Der Mensch wird nicht dadurch freier, dass er unberührbar wird. Eine solche Freiheit wäre ohnehin fragwürdig, weil sie oft mehr mit Abwehr zu tun hat als mit wirklicher Offenheit. Das Leben darf uns berühren, treffen, verwirren, erschüttern und manchmal auch für eine Weile ganz hineinziehen. Unsere menschliche Natur besteht nicht darin, immer gelassen zu bleiben, sondern in der Möglichkeit, zu bemerken, dass all das geschieht.

Darin liegt eine echte Würde. Selbst wenn wir reagieren, selbst wenn wir uns verlieren, selbst wenn wir zu spät sehen, gibt es dieses Wiedererkennen. Etwas in uns kann mitbekommen, dass Angst da war, dass Verzweiflung da war, dass ein alter Schmerz die Gegenwart übernahm. Dieses Mitbekommen macht den Frieden nicht. Es zeigt, dass er tiefer liegt als jedes innere Wetter.

Das ist keine schnelle Rettung und kein Versprechen, künftig nie wieder hineingezogen zu werden. Es ist eine andere Treue zum Leben. Weniger Flucht vor dem Menschlichen, mehr Bereitschaft, ihm genau zu begegnen. Der Frieden, nach dem wir gesucht haben, wartet nicht am Ende eines vollkommenen Weges. Er ist der stille Grund, der auch dann da ist, wenn wir ihn vor lauter Denken, Fühlen und Reagieren aus dem Blick verlieren.

*Wenn Du mit mir gemeinsam weiterforschen willst, inwiefern das Dein eigenes Erleben betrifft, um mehr Klarheit zu erhalten, dann buche gern ein Gespräch mit mir

Zur Buchung eines Gespräches geht es hier entlang

In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.