Das Gewahrsein des Gewahrseins- anhören

von Nicole Paskow

Es gibt etwas in uns, das nie schläft, das sich nicht erholt, das keine Pause braucht und keinen Urlaub macht, das nicht verletzt werden kann und nicht geheilt werden muss. Es will nicht besser werden und kann nicht schlechter werden, weil es außerhalb dieser Bewegung liegt wie der Himmel außerhalb des Wetters liegt. Er ist gleichgültig gegenüber dem, was in ihm geschieht, und gleichzeitig das Einzige, ohne das nichts geschehen könnte.

Wir nennen es Gewahrsein. Aber der Name ist schon eine Einengung.

Die meisten Menschen begegnen diesem Wort in spirituellen Kontexten und stellen sich darunter einen besonderen Zustand vor, etwas, das man durch Meditation erreicht oder durch jahrelanges inneres Ringen verdient, einen Gipfel, von dem aus man endlich über das eigene Leben schauen kann, ohne mitgerissen zu werden. Das ist ein Missverständnis, das sich so hartnäckig hält, weil es so tröstlich klingt. Als gäbe es am Ende dieser Suche einen Ort der Unberührbarkeit, an dem das Ich zur Ruhe kommt.

Gewahrsein ist kein Ort. Es ist das, worin Orte erscheinen.

Was der Verstand nicht sehen kann

Der Verstand ist ein außerordentliches Werkzeug, solange er Objekte untersucht, die er vor sich hat. Er zerlegt, vergleicht, ordnet, benennt, zieht Schlüsse. Damit hat er die Welt kartiert, Krankheiten besiegt, Musik komponiert und Unrecht benannt. Das ist nicht nichts.

Aber er hat eine blinde Stelle, und diese blinde Stelle ist er selbst.

Man kann sie fühlen, wenn man es versucht: Halt inne und versuche, den Gedanken zu erwischen, der gerade entsteht. Ich meine nicht einen Gedanken über das Denken, sondern den lebendigen Moment des Entstehens selbst, bevor er fertig ist, bevor er Worte hat und Form annimmt. Du wirst ihn immer schon verpassen, weil in dem Augenblick, in dem du ihn siehst, er sich bereits in ein Objekt verwandelt hat, das du betrachtest. Etwas anderes schaut auf ihn und dieses Andere lässt sich mit demselben Instrument nicht finden.

Der Garten kann sich nicht selbst wahrnehmen. Er kennt keine Vogelperspektive auf sich. Die Rosen wissen nicht, dass sie Rosen sind, und der Boden weiß nicht, dass er Boden ist, und was auch immer dort wächst und vergeht, geschieht in einer Selbstverständlichkeit, die keiner Bestätigung bedarf. So ist der Verstand auch, ein System, das läuft wie es läuft, das sortiert und bewertet und sich absichert und nach Sinn sucht und dabei nie auf den stößt, der sucht.

Das erste Licht

Gewahrsein ist das, was bleibt, wenn man all das weglässt.

Nicht als Leere, auch nicht als Nichts und vor allem nicht als jener spirituelle Tiefkühlraum, in dem alle Erfahrung gefriert und aufhört zu atmen. Es ist eher wie das Licht in einem Zimmer, das man so selbstverständlich benutzt, dass man es vergisst, bis der Strom ausfällt. Es ist die Bedingung für alles, was erscheint, die stille Voraussetzung, ohne die kein Gedanke gedacht werden könnte, kein Schmerz gespürt, kein Kuss erlebt, keine Trauer getragen, kein Staunen über Sonnenlicht möglich wäre, das an einem Sommernachmittag durch hellgrüne Blätter fährt und Schattenspiele auf den Waldboden malt.

Das Gewahrsein schaut diesem Licht zu und dem Schatten und der Bewegung dazwischen. Ohne Kommentar.

Was die menschliche Erscheinung nun ermöglicht, und das ist vielleicht das Erstaunlichste an diesem seltsamen Zwischen-Wesen, das wir sind, nicht ganz Tier und nicht ganz das, was die Mystiker meinten, als sie von Gott sprachen, ist folgendes: Das Gewahrsein kann durch diese Perspektive, die wir sind, auf sich selbst aufmerksam werden. Es geschieht wie eine Art Blitz.

Ein Moment, in dem das, was schaut, sich selbst bemerkt.

Was dann passiert – und was nicht

Dieser Moment verändert nichts am Inhalt des Lebens. Die Angst kommt weiter, der Körper reagiert weiter, schneller als jeder gute Vorsatz. Die alten Wunden melden sich weiter zu Wort, oft in den unpassendsten Augenblicken, oft verkleidet als vernünftige Einschätzung der Lage. Das Ich kämpft weiter um seine Sicherheit, weil das seine Natur ist, so wie die Rose wächst und der Boden trägt und das Licht fällt wie das Licht fällt.

Aber die Frage nach der letzten Instanz stellt sich anders.

Solange der Verstand glaubt, er sei das Letzte hier, trägt er alles allein. Jede Erfahrung ist seine Erfahrung, jede Angst sein persönliches Versagen, jeder Gedanke ein Beweis dafür, wer er ist oder noch nicht ist. Das ist erschöpfend, weil dieses Ich in jeder Sekunde beschäftigt ist, sich selbst zu sichern, sich zu bestätigen, sich zu verbessern, sich zu verteidigen gegen eine Wirklichkeit, die sich an all diese Bemühungen schlicht nicht hält.

Wenn aber, auch nur für einen Atemzug, erkennbar wird, dass hier Gewahrsein ist, nicht ich der gewahr ist, sondern Gewahrsein, das sich durch diese Perspektive zeigt und bemerkt und trägt, dann fällt nicht das Leben weg, dann fällt die Überzeugung weg, persönlich gemeint zu sein von allem, was erscheint.

Das Ich taucht weiter auf. Aber es ist auch nur etwas, das erscheint.

Was das bedeutet, wenn man abends allein am Tisch sitzt

Dieser Gedanke muss auf die Erde, sonst bleibt er Philosophie, und Philosophie ohne Erde wird einem weggenommen durch den nächsten Schmerz, der immer tiefer bohrt, je länger man ihn mit Theorie beantwortet hat.

Das Gewahrsein des Gewahrseins bedeutet nicht, dass man ruhiger wird, oder dass die Konflikte kleiner werden, nicht dass die Einsamkeit verschwindet oder die Frage, wie das alles weitergehen soll. Es bedeutet, dass mitten in all dem, im vollen Erleben des Sturms, etwas mitläuft, das weiß: hier ist Sturm, hier ist die alte Angst, hier ist die Erschöpfung, hier ist dieser eine Satz, der sich seit Jahren wiederholt, und dieser Satz ist auch nur etwas, das erscheint, so wie der Atem erscheint und das Licht erscheint und die Hände auf dem Tisch erscheinen und das Schweigen, das sich manchmal zwischen zwei Menschen legt wie ein drittes Wesen, das auch seinen Platz hat.

Das ist keine Methode und keine Praxis, die man morgens beginnt und abends bewertet. Es ist eher eine Treue, die sich über die Zeit entwickelt, eine wachsende Bereitschaft, diesem stillen Wissen zu vertrauen, das kein Wissen ist, sondern ein Bemerken, das keine Antworten gibt, aber auch keine Antworten braucht, weil es selbst der Grund ist, auf dem alle Fragen erst entstehen können.

Ob dieser Blitz heute kommt oder nicht, ist weder vorhersagbar, noch kontrollierbar.

Ich muss es nicht herbeirufen und ich muss es nicht festhalten. Wir sind schon eingebettet, umfangen, getragen, selbst dann, wenn es uns auf ewig verwehrt wäre, es so wahrzunehmen.

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In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.