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Das Marmeladengläschen gehört in den linken Eimer mit klarem Wasser, das Besteck in den rechten. Das Wischtuch für die Tische ist im Eimer mit dem Spülmittel. Ab 8:30 Uhr darf man mit dem Wagen herumfahren, um die Tische abzuräumen, bis dahin muss man alles in die Spüle tragen.

In der Spüle ist es heiß und der feuchte Dampf hängt in der Luft. Eine lange Spülmaschine steht dröhnend im Raum und man kann einfach alles hineinstellen, wie auf eine Raupe, die sich unermüdlich um sich selber dreht.

Ich gehe wieder in den Speisesaal und schaue, ob Herr Küffner sein Honigbrötchen schon bekommen hat. Im Augenwinkel sehe ich das Geschirr an den Tischrändern stehen und nehme es im Vorübergehen mit. Ich vertröste eine Frau, die ungeduldig ihre Hand hebt, auf „sofort!“ und laufe zu jener, die mich schon länger im Visier hat. Das Buffet hat keinen Käse mehr. Ich schreibe es mir auf den Notizzettel im Hinterkopf und sehe, dass ein Kind auf mich zukommt und einen Mülleimer will …

Als alle weg sind, lege ich Gabel, Messer und Löffel zusammen mit einer Serviette auf vierundsechzig Tische aus. Die Fenster sind aufgerissen und ein leichter Wind bewegt die Vorhänge. Jetzt ist es still. Die Sonne fällt herein und blendet mich. Ich schließe die Augen und atme ein und aus.

Was mache ich hier?

„Was mache ich hier?“, schießt mir durch den Kopf. „Warum bin ich hier gelandet? Was ist nur passiert?“

Ich wische die Gedanken weg und denke nur noch: „Gabel zuerst, dann Messer mit der Schneide nach rechts, dann der kleine Löffel. Alles ein Stück weg vom Tischrand. Aber wie viel weg? Reicht ein Zentimeter?“

Nach ein paar Tagen schiebe ich das Ensemble einfach ein Stück vom Rand weg und mache mir keine Gedanken mehr. Dann die Tasse oder das Glas, je nachdem, ob Mittagessen dran ist oder Abendessen.

Das Absolute am Schreibtisch

Noch vor wenigen Monaten habe ich meinen Tag damit verbracht, darüber nachzudenken, ob Bewusstsein im Gewahrsein erscheint oder ob Bewusstsein und Gewahrsein das Gleiche sind. Sind sie nicht. Ich machte mir Gedanken darüber, ob das Leben ein Traum ist und wer es träumt, ob Schlafen und Aufwachen eine direkte Analogie zu Leben und Tod sind, und schrieb mir die Finger darüber wund, dass innerer Frieden kein Zustand ist, sondern das Fundament unserer menschlichen Erscheinung einschließlich der Welt.

Und jetzt kleben meine Finger von Essensresten, die ich von den Tellern wische, steht mir der Schweiß auf der Stirn von den vielen Kilometern, die ich in acht Stunden laufe, schlägt mein Herz einige Oktaven schneller und meine Gedanken schweigen komplett. Ich denke nur an das Buffet, das aufgefüllt werden muss, an Menü 1, 2 und 3, das an die richtigen Tische gehört, und lächle jeden an, als würde ich ihn nach zehn Jahren das erste Mal wiedersehen.

Und ich staune, verstehe mein Leben nicht mehr, aber ich bin so wach wie noch nie.

Philosophie des Geistes

Jnana Yoga nennt die indische Philosophie jenen Weg, der mich jahrelang in Atem gehalten hat, der mir die höchsten geistigen Genüsse bescherte und meinen inneren Blick wie einen Laserstrahl ausgebildet hat. Direktes Sehen war mein Hochgenuss. Ich liebte es, Jnana-Meistern zuzuhören und ohne Umschweife und ohne an Fragen hängenzubleiben zu sehen, worauf sie zeigten.

Ich dachte, das ist von nun an mein Leben. Dieser Kosmos aus einer Form subtiler Wahrnehmung, die in immer unwirklichere Gebilde führte und schließlich in einen Ort mündete, der keinen Anfang und kein Ende kennt.

Hier angekommen ging es nicht weiter. Innerhalb dieser Betrachtung gab es nichts mehr, was mir verborgen war. Alles war durchschaut. Die Identifikation mit meinen Gedanken war so sichtbar geworden, dass ich sie ablegen konnte wie zu eng gewordene Kleider.

Etwas war geschehen

Etwas war geschehen. Alles wiederholte sich. Die Fragen an das Leben waren nicht mehr meine Fragen, die Antworten waren leer und erfüllten den Atem nicht mehr. Mein Herz und mein Geist verloren das Interesse am Dasein als Frage und Antwort, als Schau in die Traumwelt einer Perspektive, die nicht mehr an sich selber hing.

Ich verlor meinen Standpunkt als Mensch, der anderen den Weg weist. Ich verlor die Identifikation mit mir als Wegweisende. Ich verlor alle Richtungen in mir.

Etwas in mir wollte sich auf einmal bewegen. Der Körper wollte sich bewegen. Jahrelang war er einfach nur das Gefäß für meinen Geist. Und jetzt, da der Geist schwieg, erwachte er zu neuem Leben.

Wo Präsenz lebt, pulsiert, atmet

Die Theaterbühne war der Ort, an dem ich mich am lebendigsten fühlte. Das Publikum mit seiner Energie, die sich direkt auf mich richtete. Der Text, der aus meinem Mund in den Raum flog und sich für einen Augenblick zu einem eigenen Dasein aufschwang. Das Wachsein für diesen Augenblick, das alles mitbekam, was geschah. Alles.

Dieses Wachsein schlich sich mehr und mehr in mein Herz, erfasste meinen Geist und wollte sich erleben. Mehr und mehr. Und ich merkte, dass etwas geschehen müsste, was mich in die Nähe dieses Empfindens bringen sollte.

Und dann stand ich am Abspülwagen, tauchte den weißen Lappen in das Wasser mit Spülmittel und wusste es.

„Auftragen … Polieren!“

Als Kind liebte ich den Film. Wie oft hatte ich mir Karate Kid angesehen und einen Mr. Miyagi gewünscht, der mich das Leben lehrte. Wie oft habe ich eine Figur vermisst, die mich lehrte, mein wahres Potenzial zu erleben. Ich habe nie einen Menschen getroffen, der mich so überzeugte, dass er mein Mr. Miyagi hätte sein können.

Das Leben ist der Meister

Für solche Menschen, las ich einmal, war das Leben selbst zuständig. Dieser unsichtbare Autor, der uns mal in diese, mal in jene Kulisse stellt. Ohne Erklärungen, ohne Anleitung.

Die einzige Anleitung, die er gibt, ist: Erkenne den Widerstand. Überwinde den Widerstand.

Und wofür?

Jetzt weiß ich es und gehe vom Jnana Yoga zum Karma Yoga über. Jetzt spüre ich durch meinen Körper, was es bedeutet, wach zu sein. Hier zu sein. Da zu sein.

Diese Wachheit ist das Werkzeug, mit dem ich die Erfahrungen des Lebens machen kann, die ich zuvor geistig durchdrungen hatte. Aber ein Flügel trägt nicht. Der Geist allein atmet nicht den Wind, der durch die offenen Fenster durch mein Haar streicht und meine heiße Haut kühlt, die vom Herumlaufen nass geworden ist. Er fühlt nicht den Blick in fremde Augen, die Freundlichkeit, die Traurigkeit, die Schönheit, die Schwere, den Schmerz und das Erfülltsein von diesem Augenblick.

Ungestört von einem Zweiten. Ungestört von Gedankenfetzen, die nichts mit „dem hier“ zu tun haben.

Der Widerstand bin ich. Ich überwinde mich. Und fühle mich durchlüftet, durchleuchtet, anwesend, klar und so direkt lebendig, dass alles in mir schweigt und einfach das Brot schneidet, den Tee kocht, das Essen hinausträgt und den Boden schrubbt.

Wie vollkommen kann ich das machen? Wie geschmeidig kann ich werden?

Diese Fragen haben keine Antwort als Antwort. Die Antwort liegt allein im Tun.

 

In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.