Kapitel 6 – Die Warum-Frage und ihre Grenze
Kapitel 6
Wenn sichtbar wird, dass alles, was wir kennen, in der Wahrnehmung erscheint, taucht fast von selbst die nächste Frage auf. Sie ist alt, einfach und schwer auszuhalten. Warum ist überhaupt etwas da? Warum gibt es die Welt, Körper, Gedanken, Zeit, Erinnerung, Schmerz, Freude, Geburt und Tod? Warum erscheint das alles? Warum ist nicht einfach gar nichts?
Diese Frage hat eine besondere Kraft, weil sie nicht bei einem einzelnen Problem stehenbleibt. Sie fragt nicht, warum ein bestimmter Mensch leidet, warum ein Tag schief gelaufen ist oder warum jemand krank wird. Sie fragt nach dem Ganzen. Sie öffnet eine Tür, hinter der kein normaler Raum liegt. Wer sie ernsthaft stellt, merkt schnell, dass sie sich nicht verhält wie andere Fragen. Wenn ein Fahrrad kaputt ist, kann man nach dem Grund suchen. Wenn eine Pflanze eingeht, kann man nach Licht, Erde und Wasser schauen. Wenn ein Mensch traurig ist, kann man auf seine Geschichte, seinen Körper, seine Beziehungen und seine Gedanken schauen. In solchen Bereichen führt das Warum oft zu etwas Konkretem.
Bei der Frage nach dem Erscheinen selbst geschieht etwas anderes.
Jede Antwort, die wir finden, erscheint auch. Ein religiöser Mensch sagt vielleicht, Gott habe die Welt geschaffen. Ein Wissenschaftler spricht von Anfangsbedingungen, Energie, Raumzeit oder Entwicklung. Ein Philosoph sucht nach einem letzten Grund. Ein spiritueller Mensch sagt, Bewusstsein sei die Grundlage von allem. Solche Antworten können tief, hilfreich oder klug sein, je nachdem, auf welcher Ebene sie gemeint sind. Doch sobald sie ausgesprochen, gedacht oder verstanden werden, sind sie selbst Teil dessen, was erscheint.
Das ist der Punkt, an dem der Verstand an eine seltsame Grenze kommt. Er will aus dem Haus heraustreten, um das ganze Haus von außen zu sehen, aber jede Tür, durch die er geht, führt wieder in ein Zimmer. Er will den Rahmen der Welt in die Hand nehmen, doch die Hand, die greift, gehört selbst zum Bild. Er will wissen, warum es Erscheinen gibt, und übersieht dabei, dass auch diese Frage bereits erscheint.
Das macht die Frage nicht falsch, es macht sie nur anders, als der Verstand es gewohnt ist. Sie kann nicht auf dieselbe Weise beantwortet werden wie eine Frage nach einer Ursache innerhalb der Welt. Ursachen finden wir dort, wo ein Ereignis zu einem anderen führt. Da ist der Regen, der die Straße nass macht, ein Schnitt, der die Haut verletzt. Oder eine Erinnerung, die die Stimmung verändert. Innerhalb des Lebens ist die Suche nach Gründen sinnvoll und oft notwendig.
Doch beim Erscheinen als Ganzem fehlt uns der Ort, von dem aus wir es betrachten könnten. Wir stehen nicht daneben. Wir sind bereits darin. Der Körper, der fragt, erscheint und das Denken, das nach Antwort sucht, erscheint auch. Die Unruhe, die mit der offenen Frage kämpft, erscheint auch. Selbst der Wunsch, endlich eine beruhigende Erklärung zu finden, erscheint.
Hier liegt eine große Zumutung.
Der Mensch möchte, dass die Welt sich rechtfertigt. Er möchte wissen, weshalb er da ist, weshalb es Schmerz gibt, weshalb Liebe möglich ist und weshalb alles wieder vergeht. Diese Fragen sind nicht klein. Sie gehören zu dem, was den Menschen menschlich macht. Ein Tier lebt vermutlich viel unmittelbarer in Hunger, Wärme, Gefahr und Nähe. Der Mensch sitzt am Fenster, sieht den Abend dunkler werden und fragt sich, warum er überhaupt hier ist. In ihm liegt ein Art Abgrund, durch den das Ganze sichtbar werden will.
Man kann diese Frage schnell mit Glauben füllen, mit Wissen, mit Lehren, mit Begriffen, mit großen Sätzen. Für eine Weile kann das ausreichen und tragen. Ein Weltbild kann ordnen und eine Lehre kann Halt geben. Ein Gedanke kann den Schmerz beruhigen, weil er dem Chaos eine Richtung gibt. Doch die tiefste Warum-Frage lässt sich nicht endgültig beruhigen, solange sie eine Antwort erwartet, die von außen kommt und das Ganze erklärt. Alles, was als Antwort auftaucht, liegt bereits innerhalb des Erscheinens.
Das klingt im ersten Moment ernüchternd. Man kann sogar das Gefühl bekommen, dass damit alles an Bedeutung verliert. Wenn sogar jede Antwort „nur“ erscheint, worauf soll man sich dann verlassen? Wenn selbst die schönste Erklärung nur ein Gedanke ist, der kommt und geht, was bleibt dann vom Sinn? Der Verstand empfindet diese Stelle leicht als Abgrund, weil er seinen festen Boden verliert. Er hat so lange geglaubt, dass hinter allem eine letzte Erklärung stehen müsse, und nun sieht er, dass jede gefundene Erklärung wieder vor ihm auftaucht wie eine Wolke am Himmel.
Doch eine Wolke erklärt den Himmel nicht, sie zeigt sich in ihm.
So ähnlich ist es auch mit unseren Antworten. Sie können schön sein, nützlich, wahr innerhalb einer bestimmten Perspektive, tröstlich in einer schweren Stunde. Trotzdem können sie den Ort nicht liefern, von dem aus das Erscheinen insgesamt erklärt wird. Sie bleiben Bewegungen im Wahrnehmbaren. Auch ein großer Gedanke bleibt ein Gedanke. Auch ein heiliger Satz wird gehört, gelesen, erinnert, geglaubt. Seine Kraft kann tief sein, doch er taucht auf, wie alles andere auch.
An dieser Stelle geschieht etwas sehr Subtiles, wenn man nicht sofort flieht. Die Warum-Frage verliert ihre Schärfe. Sie muss nicht mehr auftauchen wie etwas, an dem man nicht vorbei kommt. Sie darf selbst gesehen werden. Da ist dieses Fragen und der Druck, etwas wissen zu müssen und vielleicht auch die Sehnsucht, endlich in einer Antwort anzukommen. Da ist der Drang immer weiter zu denken… All das gehört zum Erscheinen.
Ein Kind fragt, warum der Himmel blau ist. Eine Antwort über Licht und Atmosphäre kann helfen. Dasselbe Kind fragt irgendwann, warum es sterben muss, warum Menschen einander wehtun oder warum es überhaupt geboren wurde. Hier reicht eine Erklärung schnell nicht mehr, weil die Frage aus einer tieferen Schicht kommt. Sie fragt nicht nur nach Information. Sie fragt nach Halt.
Der erwachsene Mensch trägt dieses Kind weiter in sich. Er möchte, dass das Leben ihm erklärt, warum es ihn in diese Welt gestellt hat. Er möchte wissen, warum ausgerechnet sein Körper so ist, seine Geschichte so verlief, seine Sehnsucht so brennt und seine Angst so tief sitzt. In solchen Fragen liegt oft echter Schmerz und manchmal auch echte Neugier, darum wäre es lieblos, sie einfach als Illusion abzutun. Die Warum-Frage ist manchmal das Zittern eines Menschen, der mit dem Offenen nicht allein bleiben kann und will.
Ich will auch hier nicht über den Menschen hinweggehen. Ich nehme die Frage ernst, ohne ihr eine schnelle Krone aufsetzen zu wollen. Ich sehe, dass die Frage erscheint, und gerade dadurch wird sie nicht mehr zum Herrscher des ganzen inneren Raums. Sie darf da sein. Sie darf brennen, sie darf den Körper bewegen. Doch sie muss nicht sofort in eine Antwort gezwungen werden.
Man kann sich das vorstellen wie einen Vogel, der in einem Zimmer gegen die Scheibe fliegt. Der Vogel sieht Licht und hält die Scheibe für einen Durchgang. Immer wieder stößt er dagegen, weil er hinaus will. Der Verstand verhält sich ähnlich, wenn er das Erscheinen von außen erklären möchte. Er sieht die Richtung, aber er findet keinen Ausgang aus dem, worin er selbst auftaucht. Irgendwann erschöpft sich dieses Schlagen gegen die unsichtbare Grenze. Dann entsteht keine große Antwort, es entsteht eine andere Art von Stille.
Diese Stille ist kein besonderer Zustand, den man herstellen kann. Sie zeigt sich, wenn das Fragen für einen Moment gesehen wird, ohne dass es sofort weitergetrieben werden muss. Das Leben steht dann nicht mehr vor Gericht. Es muss nicht beweisen, weshalb es da ist. Die Frage ist da, der Atem ist da, der Raum ist da, die Hand liegt auf dem Tisch, ein Geräusch zieht vorbei. Das Ganze bleibt unerklärbar, aber es ist nicht fern. Es ist unmittelbarer als jede Erklärung.
Das bedeutet nicht, dass man aufhören soll zu denken. Denken ist ein wunderbares Werkzeug, solange es dort arbeitet, wo es arbeiten kann. Es baut Brücken, heilt Krankheiten, schreibt Theaterstücke, Musik, löst Gleichungen, erkennt Zusammenhänge, erinnert an Termine und findet Wege durch schwierige Situationen. Doch wenn Denken den Grund des Erscheinens finden will, sucht es nach einem Gegenstand, den es vor sich legen kann. Der letzte Grund, nach dem es sucht, wäre dann wieder etwas, das erscheint.
Hier beginnt eine tiefere Nüchternheit. Man muss die Warum-Frage nicht abschaffen. Man muss sie auch nicht beantworten. Man kann erkennen, dass sie selbst Teil des großen Auftauchens ist, nach dessen Ursprung sie fragt. Das ist kein Trick, es ist nur eine ziemlich genaue Beobachtung. Die Frage „Warum gibt es Erscheinen?“ erscheint im selben Feld wie der Tisch, die Hand, der Atem, die Sorge, der Himmel über dem Feld.
Und nein, dadurch wird nicht alles bedeutungslos. Bedeutung bleibt im Leben wirksam. Ein Kind bedeutet etwas, ein Verlust bedeutet etwas. Ein Mensch kann für einen anderen unendlich wichtig sein. Die Einsicht in die Grenze der Warum-Frage nimmt diesen Bedeutungen nicht ihre Wärme, sie verhindert nur, dass eine Bedeutung zum letzten Fundament gemacht wird.
Der Mensch darf Sinn erleben, ohne ihn beweisen zu müssen.
Das ist eine große Entlastung. Das Leben muss nicht erst vollständig erklärt sein, bevor es gelebt werden darf. Eine Blume muss ihren Ursprung nicht kennen, um sich dem Licht zuzuwenden. Ein Lied muss nicht wissen, weshalb Klang existiert, um ein Herz zu berühren. Ein Mensch muss nicht verstehen, warum es Erscheinen gibt, um wahrzunehmen, dass gerade etwas erscheint.
Die Warum-Frage bleibt, denn sie gehört zu uns. Manchmal wird sie wieder auftauchen, mitten in der Nacht, nach einem Verlust, in einer stillen Stunde, beim Blick in zwei Augen, die wir lieben. Dann muss sie nicht sofort weggeschoben werden. Sie kann ernst genommen werden wie ein Besucher, der nicht kommt, um eine praktische Auskunft zu verlangen, sondern um den Raum zu erweitern und zu öffnen.
Das ist, vermutlich, sogar ihre tiefste Aufgabe. Sie führt uns an eine Grenze, an der der Verstand seine gewohnte Arbeit nicht mehr fortsetzen kann. Dort steht er mit leeren Händen, und zum ersten Mal muss das kein Scheitern sein. Denn leere Hände greifen nicht. Sie können offen sein. Die Frage erscheint und das Suchen erscheint und das Staunen erscheint.
Und während der Verstand noch wissen will, warum überhaupt etwas da ist, ist genau dieses Da-Sein bereits vollständig gegenwärtig.
Übung zu Kapitel 6
Die Frage in der Hand halten
Setz Dich für einige Minuten ruhig hin und nimm einen einfachen Gegenstand in die Hand, etwas Kleines, das gerade in Deiner Nähe liegt.
Spüre sein Gewicht, seine Oberfläche und seine Temperatur. Lass ihn da sein, ohne viel daraus zu machen.
Dann frage innerlich:
Warum ist überhaupt etwas da?
Gib keine Antwort.
Lass die Frage einfach im Raum stehen, wie man eine Kerze in ein dunkles Zimmer stellt, um einfach zu bemerken, was durch ihr Licht auftaucht.
Vielleicht kommt ein Gedanke oder der Körper ruhig oder unruhig. Vielleicht sucht etwas in Dir nach einer Erklärung. Bleib einen Moment bei genau dieser Bewegung.
Dann lege innerlich diesen Satz dazu:
Auch diese Frage erscheint.
Die Übung soll die große Warum-Frage nicht beantworten. Sie zeigt nur, dass selbst das tiefste Fragen schon Teil dessen ist, wonach es fragt.
SOO VIEEEL …….. LIEBE!! ♥