Kapitel 8 – Bewusstsein und Gewahrsein
Kapitel 8
Ein Mensch sitzt an einem Tisch und merkt, dass er denkt. Er hört die eigenen Gedanken, so wie man manchmal im Nebenzimmer eine Stimme hört, die nicht aufhört zu reden. Ein Gedanke geht zur Arbeit, ein anderer zum Körper, der nächste zu einem Menschen, der gestern etwas gesagt hat, und darunter liegt ein leiser Grundton, der alles zusammenhält. Ich bin hier. Mir geschieht das. Das ist mein Tag, mein Körper, mein Leben.
Für gewöhnlich nennen wir das Bewusstsein. Wir meinen damit, dass wir wach sind, dass wir wissen, was geschieht, dass wir uns an uns selbst erinnern und in der Lage sind, über etwas nachzudenken. Wer bewusst ist, kann eine Frage beantworten, einen Plan machen, sich selbst beobachten, eine Entscheidung treffen. Bewusstsein hat in diesem Sinn mit Wachheit, Denken, Aufmerksamkeit und Verstehen zu tun. Es ist die helle Zone des Lebens, in der Dinge benannt werden können.
Doch diese helle Zone ist kleiner, als sie sich anfühlt.
Während ein Mensch über sich nachdenkt, arbeitet der Körper weiter. Ein Geräusch wird registriert, bevor es bewusst wird. Eine Stimmung verändert die Art, wie der Raum wirkt, bevor ein Satz dazu entsteht. Der Atem passt sich einer inneren Lage an, die noch keinen Namen trägt. Im Schlaf verschwindet das gewöhnliche Bewusstsein fast vollständig, und trotzdem fällt der Mensch nicht aus dem Leben. Am Morgen sagt er: Ich habe geschlafen. Diese einfache Aussage zeigt etwas Merkwürdiges. Sogar eine Zeit, in der kein klares Denken da war, gehört im Rückblick zum Erleben.
Gewahrsein meint eine weitere Ebene.
Das Wort klingt groß, aber es zeigt auf etwas sehr Einfaches. Gewahrsein ist die offene Tatsache, dass etwas da ist und erkannt wird. Ein Gedanke taucht auf, und er ist bemerkbar. Ein Körpergefühl zeigt sich, und es wird wahrgenommen. Eine Stimmung liegt im Raum, und sie ist nicht völlig unbewusst. Selbst Verwirrung kann da sein. Auch Unklarheit wird bemerkt. Sogar der Satz „Ich weiß gerade nicht, was mit mir los ist“ erscheint in etwas, das diesen Satz kennt.
Bewusstsein beschäftigt sich oft mit Inhalten. Es denkt über sie nach, gibt ihnen Namen, vergleicht sie mit früher, macht daraus eine Geschichte. Gewahrsein ist schlichter. Es muss die Dinge nicht erklären, um sie da sein zu lassen. Es ist wie die Helligkeit in einem Zimmer. In dieser Helligkeit kann ein Tisch stehen, ein Stuhl, ein zerknülltes Papier, ein voller Teller, ein Mensch, der weint. Die Helligkeit sortiert nichts aus, sie macht nur sichtbar.
Dieses Bild hat Grenzen, aber es hilft. Gewahrsein ist kein Licht, das man mit den Augen sehen kann. Es ist keine Lampe im Kopf. Es ist eher die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas als Erfahrung auftaucht. Ohne Gewahrsein gäbe es für Dich keinen Gedanken, keine Farbe, keinen Schmerz, keine Frage, keine Welt. Alles, was Du kennst, erscheint darin.
Der wichtige Punkt ist, dass Gewahrsein niemandem gehört.
Das klingt ungewohnt, weil wir gewohnt sind zu sagen Ich bin mir dessen gewahr. Dieser Satz funktioniert im Alltag. Doch bei genauerem Hinsehen taucht dieses Ich ebenfalls auf. Es zeigt sich als Gedanke, als Körpergefühl, Erinnerung und als innerer Standort. Das Gefühl, jemand zu sein, der erlebt, ist selbst erlebbar. Wenn es erlebbar ist, steht es nicht am Anfang von allem. Es erscheint bereits.
Man kann es mit einer Bühne vergleichen. Auf der Bühne tritt eine Figur auf und sagt Das alles gehört mir. Das Licht, der Raum, die anderen Figuren, die Handlung. Für die Geschichte ist diese Figur wichtig. Ohne sie gäbe es kein Drama, keine Spannung, keine Richtung. Doch das Licht der Bühne kommt nicht aus dieser Figur. Sie steht selbst im Licht. Genauso erscheint das Ich-Gefühl im Gewahrsein. Es kann sprechen, planen, leiden, lieben, sich verteidigen und eine Geschichte erzählen. Seine ganze Welt wird sichtbar, weil Gewahrsein da ist.
Darum braucht Gewahrsein keinen Gewahrenden.
Sobald wir uns einen Gewahrenden vorstellen, haben wir wieder eine Figur gebaut. Da sitzt dann jemand im Inneren und schaut auf Gedanken, Gefühle, den Körper und die Welt. Das kann für eine Weile hilfreich sein, weil es Abstand schafft. Viele Übungen beginnen so. Man beobachtet den Atem, man beobachtet Gedanken, man beobachtet Gefühle. Dadurch wird sichtbar, dass nicht jede Bewegung sofort geglaubt werden muss. Doch irgendwann wird auch der Beobachter selbst sichtbar. Dieses innere Gefühl von „ich schaue zu“ erscheint genauso wie alles andere.
Das ist kein Verlust. Es ist eine Erleichterung.
Denn solange ein Gewahrender gebraucht wird, bleibt irgendwo ein kleines Zentrum übrig, das alles richtig machen muss. Es soll ruhig bleiben, offen bleiben, achtsam bleiben, liebevoll bleiben, bewusst bleiben. Aus einer Einsicht wird dann wieder eine Aufgabe. Der Mensch sitzt innerlich da und versucht, ein guter Beobachter zu sein. Er überwacht seine Zustände und nennt das manchmal Bewusstheit. Dabei hat sich nur eine feinere Form von Anstrengung gebildet.
Gewahrsein ist viel einfacher.
Es ist schon da, bevor jemand sich bemüht. Ein Geräusch muss nicht gewollt werden, um gehört zu sein. Ein Gedanke muss nicht eingeladen werden, um zu erscheinen. Ein Gefühl muss nicht verstanden werden, um da zu sein. Der ganze Moment liegt bereits offen, auch wenn er unruhig, müde, eng oder verworren ist. Gewahrsein wartet nicht darauf, dass der Mensch innerlich aufgeräumt ist.
An dieser Stelle wird der Unterschied zwischen Bewusstsein und Gewahrsein praktisch. Bewusstsein kann enger werden. Es kann müde sein, verwirrt, überfüllt, benommen, abgelenkt. Ein Mensch kann den Faden verlieren, etwas vergessen, sich in Gedanken verbeißen, im Stress kaum noch etwas wahrnehmen. Gewahrsein wird dadurch nicht als Gegenstand sichtbar, aber die Zustände, die das Bewusstsein färben, tauchen dennoch auf. Selbst Benommenheit ist nicht völlig verborgen, sobald sie bemerkt wird. Sogar der Satz „Ich war ganz weg“ erscheint später als Erinnerung.
Das heißt nicht, dass Gewahrsein eine Sache ist, die irgendwo hinter dem Leben steht. Solche Bilder führen schnell in die Irre. Gewahrsein lässt sich nicht anfassen, nicht vorzeigen, nicht besitzen. Es ist näher als alles, was man zeigen könnte. Sobald Du danach greifst, greifst Du nach einem Gedanken darüber. Sobald Du Dir ein Bild davon machst, erscheint ein Bild. Das ist frustrierend für den Verstand, aber sehr klar in der direkten Betrachtung.
Du kannst Gewahrsein nicht finden wie einen Schlüssel auf dem Tisch. Du kannst nur bemerken, dass alles, was gefunden wird, bereits darin erscheint.
Ein Jugendlicher versteht das oft schneller als ein Erwachsener, wenn man es nicht zu kompliziert macht. Schau auf Dein Handy. Du siehst den Bildschirm, die Schrift, ein Bild, eine Nachricht. Dann merkst Du eine Reaktion im Körper. Freude, Druck, Langeweile, Unruhe. Danach kommt ein Gedanke über Dich selbst. All das ist da. Der Bildschirm, die Reaktion, der Gedanke. Jetzt frage nicht sofort, wer das alles kontrolliert. Bemerke nur, dass es erkannt wird. Dieses Erkanntsein ist der Hinweis.
Genaues Sehen führt genau dorthin. Nicht weg vom Körper, weg von der Welt oder weg von der persönlichen Geschichte. Es zeigt nur, dass all das im Erkennen auftaucht. Der Körper bleibt wichtig. Die Geschichte bleibt spürbar. Beziehungen, Geld, Gesundheit, Arbeit und Schmerz behalten ihre relative Wirklichkeit. Doch sie stehen nicht allein da. Sie erscheinen in etwas, das nicht selbst zur Geschichte wird.
Damit wird Frieden anders verständlich.
Solange Frieden vom Bewusstsein erwartet wird, soll der wache, denkende, fühlende Mensch in einen guten Zustand kommen. Er soll ruhig werden, klar, weit, gelassen. Solche Zustände sind schön, wenn sie da sind. Doch sie gehören zum wechselnden Leben. Gewahrsein ist nicht dieser Zustand. Es ist die Offenheit, in der klare und unklare Zustände auftauchen.
Hier muss man sehr genau sein. Gewahrsein macht das Leben nicht automatisch angenehm. Es verhindert keine menschlichen Reaktionen. Es ersetzt keine Klärung, keine Fürsorge, keine Behandlung, keinen ehrlichen Satz. Doch es zeigt, dass nichts von all dem außerhalb des Erkennens steht. Der Mensch kann sich weiter kümmern, handeln, sprechen, ausruhen, Grenzen setzen und lernen. Dabei muss er das, was erscheint, nicht mehr für den letzten Grund halten.
Nisargadatta Maharaj spricht in diesem Zusammenhang oft vom einfachen „Ich bin“. Damit meint er nicht die Person mit Namen, Beruf, Geschichte und Sorgen. Gemeint ist die schlichte Tatsache von Anwesenheit, bevor daraus eine Erzählung wird. Dieses „Ich bin“ ist kein Gedanke, den man besonders oft wiederholen muss. Es ist eher ein Hinweis. Noch bevor Du weißt, wer Du heute bist, noch bevor der Tag seine Färbung bekommt, ist Anwesenheit da.
Diese Anwesenheit gehört nicht der Person. Die Person erscheint in ihr.
Das ist der schwierige und zugleich befreiende Punkt. Der Mensch, der sein Leben ordnen will, ist nicht ausgeschlossen. Er darf da sein. Seine Angst darf da sein, sein Wunsch nach Sinn, sein Protest, seine Müdigkeit, seine Liebe, seine Fehler. Doch alles davon erscheint. Selbst derjenige, der Gewahrsein verstehen will, erscheint.
Man muss daraus keine große Behauptung machen. Es genügt, im Alltag kleine Augenblicke dafür zu öffnen. Beim Aufwachen, bevor der Tag sich zusammensetzt. Oder beim Blick in den Spiegel, bevor die Kommentare über das eigene Gesicht beginnen. Wenn Du ein Geräusch hörst, bevor der Gedanke sagt, was es ist. Und beim Spüren des Körpers, bevor sofort die Frage kommt, ob alles in Ordnung ist.
Dort zeigt sich etwas Einfaches.Erleben ist da. Der Gedanke „ich erlebe“ kommt hinzu. Gewahrsein ist das Offene, in dem beides erscheint.
Das lässt sich nicht festhalten. Sobald man es festhalten will, wird daraus ein Konzept. Doch es kann immer wieder erkannt werden, gerade in gewöhnlichen Momenten. Weniger als besonderer Zustand, den man erreichen muss, und auch nicht als Besitz eines spirituelleren Ichs. Eher als die schlichte Tatsache, dass alles, was auftaucht, bereits erkannt ist.
Gewahrsein ist deshalb so nah, dass wir es übersehen.
Wir suchen nach einer Erfahrung, die es beweist, und übersehen dabei, dass jede Erfahrung schon darin erscheint. Wir suchen nach einem Gewahrenden, der es besitzt, und übersehen, dass dieser Gewahrende selbst auftaucht. Wir suchen nach Frieden als Zustand und übersehen, dass selbst die Suche nach Frieden in einer Offenheit erscheint, die nicht sucht.
Hier beginnt eine andere Art von Ruhe. Sie muss nicht gegen das Leben verteidigt werden. Sie gehört keinem Zustand. Sie gehört keinem Ich. Sie ist eher die einfache, offene Tatsache, dass alles da sein kann, ohne das Dasein selbst zu beschädigen.
Das ist Gewahrsein.
Übung zu Kapitel 8
Der Beobachter erscheint auch
Setz Dich für einige Minuten ruhig hin und nimm wahr, was gerade da ist.
Ein Geräusch im Raum, der Körper auf dem Stuhl, ein Gedanke, eine Stimmung, ein innerer Kommentar. Lass das alles auftauchen, ohne sofort etwas daraus zu machen.
Dann bemerke denjenigen in Dir, der beobachtet.
Vielleicht gibt es ein feines Gefühl von Abstand, einen inneren Platz, von dem aus geschaut wird, oder den Gedanken: Ich nehme das wahr.
Bleib genau dort einen Moment stehen.
Dann frage leise:
Wird nicht auch dieser Beobachter bemerkt?
Spüre nicht nach einer Antwort. Schau nur, ob auch das Gefühl von „ich beobachte“ auftaucht und erkannt wird.
Lege am Ende diesen Satz dazu:
Auch der Beobachter erscheint.
Die Übung soll keinen besonderen Zustand erzeugen. Sie zeigt nur, dass Gewahrsein keinen inneren Besitzer braucht.