Kapitel 9 – Das Licht im Absoluten

Kapitel 9 - Kommt noch!

von von Nicole

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Ein Mensch kann sehr viel über sich erkennen und trotzdem an einer letzten Stelle wieder zugreifen und in die Falle tappen.

Er sieht, dass Gedanken kommen und gehen. Er merkt, dass Gefühle den Körper stark bewegen können, ohne für immer zu bleiben. Er erkennt, dass eine alte Geschichte nicht jedes Mal geglaubt werden muss, nur weil sie wieder auftaucht. Dadurch entsteht mehr Raum. Das Leben wird nicht automatisch leicht, aber es wird an manchen Stellen durchsichtiger.  Und dann kann ein neuer Satz auftauchen.

Ich bin Gewahrsein.

Am Anfang kann dieser Satz helfen. Er löst den Menschen aus der engen Vorstellung, nur diese Person mit ihrer Geschichte zu sein. Da ist mehr als der Körper, der müde wird, mehr als der Gedanke, der Angst macht und mehr als das alte Bild von sich selbst. Der Satz kann sich anfühlen wie ein Fenster, das sich nach Jahren öffnet. Doch auch aus einem offenen Fenster kann der Mensch wieder ein neues Zimmer bauen.

Er nimmt den Satz und macht daraus eine neue Sicherheit. Früher hielt er sich für seine Angst, seine Schuld, seine Leistung, seine Beziehungen oder sein Scheitern. Jetzt hält er sich für Gewahrsein. Der Name ist subtiler geworden, doch die Bewegung ist vertraut. Wieder will etwas sagen können, was es ist. Wieder will etwas einen Platz finden, an dem es endgültig sicher ist. Genau an dieser Stelle ist Karl Renz hilfreich.

Er sagte einmal, Gewahrsein sei das Licht im Absoluten.

Dieser Satz klingt groß, aber er lässt sich schlicht verstehen. Licht macht sichtbar. Wenn Du nachts in ein dunkles Zimmer kommst, ist alles undeutlich. Sobald Licht da ist, erkennst Du den Tisch, den Stuhl, die Tür, den Boden. Das Licht muss die Dinge nicht erklären. Es macht sie sichtbar.

Gewahrsein ist so ein Licht. Ein Gedanke wird bemerkt, ein Gefühl wird bemerkt, der Körper wird bemerkt. Die Welt wird bemerkt und auch das Ich Gefühl wird bemerkt. Ohne dieses Licht gäbe es für Dich keine Erfahrung. Es wäre nichts da, das erkannt, gefühlt, gesehen oder gedacht werden könnte.

Bis hierhin sind wir noch nah bei Kapitel 8. Dort ging es darum, dass Gewahrsein keinen inneren Besitzer braucht. Selbst der Beobachter erscheint. Kapitel 9 geht einen Schritt weiter. Es fragt, was geschieht, wenn der Mensch aus Gewahrsein wieder etwas macht, das er haben oder sein will.

Denn auch Gewahrsein kann zu einer Idee werden.

Ein Mensch sitzt ruhig da und spürt Weite. Der Körper fühlt sich offen an. Die Gedanken sind leiser und alles wirkt klarer. Dann sagt der Verstand schnell: Das ist es. So muss es sein. Das ist Gewahrsein. Am nächsten Tag ist der Körper eng, das Denken laut, der Alltag schwer. Sofort entsteht Enttäuschung. Der Mensch glaubt, er habe das Eigentliche wieder verloren!

So beginnt eine sehr feine Form von Suche.

Nun wird nicht mehr nur nach Glück gesucht. Es wird nach Stille gesucht, nach Weite, nach Klarheit, nach einem Zustand, der beweisen soll, dass man näher an der Wahrheit ist. Der Mensch vergleicht seine Erfahrungen. Ein ruhiger Tag gilt als gut. Ein enger Tag gilt als Rückschritt. Eine tiefe Einsicht bekommt mehr Wert als ein müder Nachmittag. Aus dem inneren Weg wird eine heimliche Rangliste.

Doch alles, was erlebt wird, bewegt sich.

Ruhe kommt und geht. Enge kommt und geht. Klarheit kommt und geht. Selbst ein sehr weiter Moment kommt und geht. Daran erkennt man, dass er zur Erfahrung gehört. Er kann kostbar sein. Er kann den Menschen verändern. Er kann eine Spur hinterlassen. Trotzdem ist er nicht das Letzte.

Das Absolute ist kein Erlebnis, das bleibt.

Dieser Satz ist wichtig, weil viele Menschen genau dort suchen. Sie warten auf eine Erfahrung, die endlich nicht mehr verschwindet. Eine Erfahrung von Frieden, die nie wieder bricht. Eine Stille, die durch keinen Alltag gestört wird. Eine Gewissheit, die keine Frage mehr zulässt. Doch jede Erfahrung, die kommt, gehört zum Kommen und Gehen. Sie kann nicht der letzte Halt sein.

Das Absolute meint das, was nicht als Erlebnis auftaucht und wieder verschwindet.

Man kann es nicht sehen wie einen Gegenstand, nicht fühlen wie eine Stimmung, man kann es auch nicht denken wie einen klugen Satz. Sobald ein Bild davon entsteht, ist dieses Bild schon wieder etwas, das erscheint. Sobald ein Gefühl davon da ist, gehört dieses Gefühl zur Erfahrung. Sobald jemand sagt: Jetzt habe ich es, ist bereits wieder ein Ich da, das etwas besitzen möchte.

Darum ist das Wort „Absolutes“ so schwierig. Der Verstand macht sofort ein Ding daraus. Er stellt es sich wie einen großen Hintergrund vor, wie einen göttlichen Raum, wie eine helle Quelle, wie eine geheime Wahrheit hinter der Welt. Solche Bilder können schön sein. Sie helfen eine Weile, doch sie bleiben Bilder. Sie erscheinen im Denken.

Das Absolute liegt nicht hinter der Welt wie ein Gegenstand, den man nur noch finden müsste.

Es ist näher als jedes Bild davon.

Man kann sich das an einem ganz gewöhnlichen Moment klarmachen. Du sitzt in der Küche und hältst eine Tasse in der Hand. Wärme wird gespürt, der Körper atmet, ein Gedanke an später taucht auf. Dann kommt der Wunsch, diesen Text zu verstehen. Danach vielleicht ein innerer Widerstand, weil das Wort Absolutes zu groß klingt. All das wird bemerkt.

Nun sucht der Verstand nach dem Letzten. Er möchte wissen, wo genau es ist. Doch was immer er findet, wird wieder bemerkt. Die Tasse wird bemerkt, der Gedanke wird bemerkt. Das Verstehen wird bemerkt. Das Nichtverstehen wird bemerkt. Sogar die Suche nach dem Letzten wird bemerkt.

Karl Renz’ Satz zeigt auf diese einfache Sache. Gewahrsein ist das Licht, in dem alles sichtbar wird. Das Absolute ist nicht ein weiterer sichtbarer Gegenstand. Es ist das, was durch keinen sichtbaren Gegenstand erfasst werden kann.

Das lässt sich nicht vollständig erklären. Es lässt sich nur bis an eine Grenze führen.

An dieser Grenze wird der Mensch stiller, wenn er nicht sofort eine Antwort erzwingen will. Er merkt, dass jedes Greifen wieder im Erleben auftaucht. Jede Erklärung wird gedacht, jeder Beweis wird wahrgenommen, jede Sicherheit wird gefühlt. Das Letzte kann nicht als Teil des Erlebens festgehalten werden, weil alles Erlebte schon im Licht erscheint.

Das macht den Alltag nicht unwichtig. Wenn der Körper krank ist, braucht er Fürsorge. Wenn Geld fehlt, muss gehandelt werden oder wenn ein Kind weint, zählt gerade  keine große Weisheit. Dann geht man hin! Die relative Welt bleibt ernst. Der Körper, die Beziehung, die Arbeit, die Verantwortung, all das verschwindet nicht durch einen Gedanken über das Absolute.

Doch der Alltag muss nicht mehr den letzten Halt und die letzte Antwort liefern.

Das ist die Entlastung. Die Tasse darf Tasse sein, der Körper darf Körper sein, eine Sorge darf ernst genommen werden. Ein Mensch darf wichtig sein und ein schöner Moment darf leuchten und ein schwerer Moment darf schwer sein. Nichts davon muss beweisen, dass Frieden da ist oder fehlt.

Das Licht bleibt durch den Film unbeschädigt.

Ein Film kann traurig sein, laut, schön oder verwirrend. Die Leinwand wird dadurch nicht traurig, laut, schön oder verwirrt. Das Bild ist nicht vollkommen, aber es zeigt etwas. Was erscheint, kann stark wirken. Es kann den Körper bewegen und das Leben verändern. Doch das, worin es sichtbar wird, wird nicht zu dem, was sichtbar wird.

Beim Absoluten reicht selbst dieses Bild irgendwann nicht mehr aus. Auch eine Leinwand wäre noch ein Ding. Auch Licht ist ein Bild. Sprache kann hier nur zeigen und dann wieder zurücktreten. Trotzdem ist das Bild hilfreich, solange man es nicht festhält.

Gewahrsein ist das Licht im Absoluten.

Das heißt nicht, dass der Mensch nun eine neue Wahrheit besitzen kann. Es heißt eher, dass alles, was er besitzen möchte, bereits erscheint. Auch der Wunsch, frei zu sein. Auch der Gedanke, angekommen zu sein. Auch der Stolz, etwas verstanden zu haben. Auch die Enttäuschung, es wieder verloren zu haben.

Das Absolute kann nicht gewonnen werden.

Es kann auch nicht verloren gehen.

Was gewonnen wird, ist eine Erfahrung. Was verloren geht, ist eine Erfahrung. Eine Erkenntnis kann kommen. Eine Erkenntnis kann verblassen. Ein Zustand kann entstehen. Ein Zustand kann vergehen. Das Absolute steht nicht in dieser Bewegung. Es ist kein Preis für einen besonders klaren Menschen.

Genau deshalb braucht niemand besonders spirituell zu werden, um damit in Berührung zu sein. Der gewöhnliche Moment reicht. Ein Teller wird abgespült, Wasser läuft über die Hand. Der Körper ist müde, ein Gedanke zieht vorbei. Für einen Augenblick ist klar, dass all das da ist. Mehr muss nicht geschehen.

Der Verstand hätte gern etwas Größeres.

Er liebt das Besondere und will eine Erfahrung, an die er sich erinnern kann. Er will sagen können: Dort war es, an jenem Tag, in jener Stille, in jenem Licht. Doch das Absolute liegt nicht in dem besonderen Moment mehr als in diesem einfachen Augenblick. Der besondere Moment erscheint. Der einfache Augenblick erscheint. Das Licht macht beide sichtbar.

Damit wird auch die Suche freundlicher.

Man muss die Suche nicht verachten. Sie gehört zum Menschen, sie hat uns bis hierher gebracht. Ohne Sehnsucht würden wir nicht fragen. Ohne Schmerz würden wir manches nie anschauen. Ohne den Wunsch nach Wahrheit blieben wir oft an der Oberfläche. Doch irgendwann wird sichtbar, dass auch die Suche erscheint. Sie ist keine Leiter, die bis zum Absoluten reicht. Sie ist ein Teil des Lebens, der im Licht auftaucht.

An dieser Stelle kann Demut entstehen.

Keine Demut, die sich klein macht, eher eine klare Demut. Der Mensch sieht, dass er das Letzte nicht in seine Hand nehmen kann. Er kann darüber sprechen, darauf zeigen, sich ihm nähern, es verfehlen, wieder fragen, wieder still werden. Doch jede Form, die er findet, erscheint.

Darum ist das Absolute frei von unseren Namen und Begriffen.

Es wird nicht größer, wenn man heilige Worte dafür benutzt und es wird nicht kleiner, wenn man es nicht versteht. Es ist nicht beleidigt durch Zweifel und es braucht keinen Glauben. Es gehört keiner Tradition, keinem Lehrer, keinem Buch, keiner Methode.

Auch Deep Access besitzt es nicht.

Deep Access kann nur zeigen, wo der Mensch zugreift. Es kann zeigen, wie Gedanken erscheinen, wie Bedeutung entsteht, wie der Körper antwortet, wie das Ich sich bildet, wie Gewahrsein keinen Besitzer braucht. Am Ende zeigt es sogar, wie der Wunsch erscheint, aus all dem eine endgültige Wahrheit zu machen.

Dann bleibt kein großer Satz übrig, an dem man sich festhalten kann.

Und genau das ist keine Niederlage.

Denn der Mensch muss sich nicht festhalten, damit das Licht da ist. Er muss nicht wissen, was das Absolute ist. Er muss es nicht erklären können, ja nicht einmal daran glauben. In jedem Moment, in dem etwas erscheint, ist das Licht bereits da.

Alles erscheint im Licht. Das Absolute wird dadurch nicht berührt, nicht verbessert, nicht beschädigt.

So wird der Satz von Karl Renz einfach. Gewahrsein ist das Licht im Absoluten.

Das Licht zeigt, was erscheint. Das Absolute bleibt frei von allem, was erscheint.

Und der Mensch darf weiter Mensch sein, ohne  sein Leben zu etwas Absolutem machen zu müssen.

 

Nichtübung zu Kapitel 9

Nichts erreichen

Setz Dich nicht hin, um etwas Besonderes zu erfahren.

Versuche nicht, Gewahrsein zu spüren. Suche nicht nach dem Absoluten. Warte nicht auf Weite, Stille oder Klarheit.

Lass den Moment so gewöhnlich sein, wie er ist.

Eine Tasse steht irgendwo. Der Körper sitzt, liegt oder geht. Ein Gedanke kommt. Ein Geräusch ist da. Vielleicht entsteht der Wunsch, doch etwas daraus zu machen. Vielleicht will etwas verstehen, prüfen, erreichen.

Lass auch das erscheinen.

Für einen Augenblick muss nichts aus Dir werden.

Das ist keine Übung, die irgendwohin führt. Sie erinnert nur daran, dass das Licht schon da ist, bevor der Mensch beginnt, danach zu suchen.