Welt ohne Spiegel - anhören

von Nicole Paskow

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Irgendwann ist mir mal aufgefallen, dass ich mich selbst kaum sehen würde, wenn ich keinen Spiegel hätte. Einen Spiegel muss man herstellen. Ohne diese Herstellung gäbe es ihn nicht. Früher hatten die Menschen nur das Wasser, in dem sie sich spiegeln konnten. Ruhiges Wasser war die einzige Möglichkeit, das eigene Gesicht halbwegs entdecken zu können.

Alles andere lief über andere Menschen. Ich kann auch meinen Körper nur kopfabwärts sehen und meinen Rücken gar nicht. Außer ich würde mich total verbiegen.

Erste Spiegel oder etwas, das als solches benutzt wurde, wie polierte Steine, entstanden erst etwa 8000 Jahre vor Christus. Und nur reiche Leute hatten sie. Also kann man sagen, dass der Homo sapiens ungefähr 292.000 Jahre lang sein Gesicht kaum wahrnehmen konnte. Fast die ganze Menschheitsgeschichte verlief ohne diesen äußeren Blick auf sich selbst.

Ich stelle mir unsere heutige Welt vor, wenn es keine Spiegel gäbe. Keinen Blick in etwas, das mir die Gewissheit schenkt. Ah, das bin ich. So sehe ich aus.

Mir ist auch mal aufgefallen, dass es überhaupt kein Problem gibt, wenn ich nicht in Spiegel sehe. Nicht in meine eigenen, nicht ins Handy, nicht in Schaufenster. Nicht über sein Aussehen nachzudenken, es nirgends direkt gespiegelt zu sehen, ist auf eine interessante Art befreiend.

Wenn ich mich nicht sehe, bin ich nur. Ich bin einfach da, wie ich so bin.

Ich glaube, ich würde Spiegel nicht vermissen. Sie sind eigentlich nur gesellschaftlich relevant. Um zu sehen, ob ich etwas im Gesicht hängen habe, das andere irritieren könnte. Ob ich verurteilt werden kann, weil ich so hässlich bin oder ob ich bewundert werden kann, weil ich so schön bin.

Narziss verliebte sich in sein Spiegelbild, das er in einem stillen See sah. In was verliebte er sich da eigentlich? Und in was verlieben wir uns, wenn wir einen anderen Menschen sehen?

In erster Linie ist hier etwas, das sieht. Es sieht in die Welt und erkennt die Welt als die Welt. Ah. Ein anderer Mensch. Ah. Ein Baum. Ah. Ein Hund. Und wenn ein Spiegel da ist, in den gesehen wird, heißt es plötzlich: Ah. Das bin ich. Alles klar.

Aber wen meinen wir damit?

Was sehen wir im Spiegel und was sehen wir im anderen?

Alles ist ein Spiegel.

Neulich sagte ich zu meinem Mann, als er beschloss, wandern zu gehen und mir begeistert die Berge zeigte, die er sehen würde: „Geh dorthin, wo du vollkommen gespiegelt wirst.“

Berge, Täler, Schluchten. Seine Augen glänzten, als er davon sprach. Ich konnte direkt fühlen, wie sein Herz dabei aufblühte.

Es war für ihn wichtig, an einen Ort zu gehen, an dem der Spiegel nicht getrübt wird durch andere Menschen und ihre Befindlichkeiten, durch Energien, die sich auf die eigene auswirken. Einen Ort, an dem man ganz allein für das, was man umfassend ist, einen klaren Spiegel bekommt.

Es ging ihm schon einmal so, als er die Berge sah, dass sein ganzes Wesen ergriffen wurde und unerklärliche Tränen flossen. Was für eine Majestät. Was für eine Größe. Was für eine Unfassbarkeit.

„Genau wie Du“, sagte ich ihm damals. „Du hast Dich selbst gesehen.“

Damit meinte ich nicht seine Persönlichkeit. Ich meinte etwas, das viel tiefer liegt und dennoch im Wesen immer mitschwingt.

Vielleicht war das, was ihn dort berührte, etwas, mit dem die Menschen früher noch selbstverständlich verbunden waren. In ihrer Welt ohne Spiegel diente alles als Spiegel, ohne dass sie es wussten. Heute reduzieren wir uns oft auf unser Selbstbild, das innere und das äußere. Dabei ist es immer noch die Natur, die unsere ganze Kapazität zurückwerfen kann.

Ich liebe Blumen. Ich könnte sie stundenlang ansehen. Ich bin geradezu verliebt in sie. Was für eine Unschuld mir entgegenscheint, wenn sie ihre Blütenköpfe im Wind heben und senken. Sie wissen nichts von ihrer Schönheit und verschwenden sie geradezu in die Welt mit ihren leuchtenden Farben und ihrem betörenden Duft. Ich darf Zeugin dieser unendlichen Süße und Freude sein, die sie mir entgegensenden. Das hebt mein Herz an und macht es voll.

Ich liebe auch Bäume. Vor allem die Blätter, durch die spätnachmittags die Sonne hindurchscheint, sie hellgrün färbt und als tanzendes Lichtgewitter mit ihnen spielt. Das lässt mich einfach nur schauen und selbst erstrahlen in dieser stillen Harmonie.

Es macht mich leicht. Oder es zeigt mir die Leichtigkeit, die immer schon da ist. Wenn ich in ein schönes Gesicht sehe, ist es, als betrachtete ich eine Blume, die sich der Sonne zugewendet hat. Wenn ich ein verwittertes Gesicht sehe, ist es, als blickte ich in die Berge, die über Jahrmillionen von Wettern und Zeiten geformt wurden. Dann wird es still in mir.

Ich weiß nicht, wen wir da in uns erfunden haben, der über alles richtet und sofort entscheidet, ob etwas einem Maßstab entspricht oder nicht. Etwas, das sortiert, einordnet, ausschließt.

Ich glaube, dieses Etwas gehört zu einer Angst, die sich von dem getrennt fühlt, was sie  sieht. Wen bekämpfen wir eigentlich, wenn wir uns bedroht fühlen?

Von Don Quichotte heißt es, er kämpfte gegen Windmühlen. Daraus ist ein geflügeltes Wort geworden. Er kämpft gegen etwas völlig Sinnloses. Als würde er mit seinem Spiegelbild ringen. Mit etwas, das er sieht, aber gar nicht ist.

Gäbe es nie ein äußeres Bild von uns selbst, wer wären wir dann?

Wenn ich hier so sitze und schaue und schreibe und meinen Kaffee trinke, dann bin ich niemand Bestimmtes. Ich schreibe einfach. Die Vögel zwitschern um mich herum. Die Morgensonne bahnt sich ihren Weg durch die Blätter des Fliederbaums vor dem Balkon. Der Hund liegt auf dem Stuhl neben mir, weil er unbedingt auf einer Höhe mit mir sein will. Ich lasse ihn einfach. Ich streichle über sein schönes Fell, bis er den Kopf hebt und mich ansieht. Auf seine Art weiß er von mir und ich weiß von ihm. Mehr müssen wir nicht wissen.

 

In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.