Zenmeister- anhören
von Nicole Paskow
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Es ist vollkommen egal, was wir zu wissen meinen und erkannt zu haben glauben. Das Leben weiß es immer besser. Wenn wir das Leben selbst nicht als den wahren Meister anerkennen, dann werden wir das zu spüren bekommen.
Ich habe mich schon immer gefragt, warum Zenmeister oft als so streng dargestellt werden. Man denke nur an die fürchterliche Geschichte von Gutei, der angeblich seinem Schüler den Finger abgeschnitten hat.
Meister Gutei war dafür bekannt, auf Fragen nach Zen einfach einen Finger hochzuhalten. Ein junger Schüler begann, ihn nachzuahmen. Als Gutei davon erfuhr, fragte er den Jungen nach der tiefsten Wahrheit des Zen. Dieser hob wieder den Finger – und Gutei soll ihm daraufhin den Finger abgeschnitten haben. Der Junge lief schreiend davon. Gutei rief ihn zurück. Als er sich umdrehte, hob Gutei erneut seinen eigenen Finger. In diesem Augenblick, so die Überlieferung, erwachte der Junge. Die Geschichte steht als Fall drei im Mumonkan, dem „Torlosen Tor“.
Wenn die Antwort zur Gewohnheit wird
Das ist wahrscheinlich die radikalste Version des Zen-Motivs: Der Schüler hat aus einer lebendigen Einsicht eine Geste, eine Methode, eine Antwort gemacht. Gutei zerstört buchstäblich das, woran er sich klammert.
Zenmeister, so sehe ich es nun, sind Symbole für das Leben. Denn nichts und niemand ist so unerbittlich wie es selbst. Man kann es nicht beeindrucken, man kann es nicht nachahmen, nicht verführen, nicht überlisten, nicht übertrumpfen. Man kann es nicht belehren, und alles, was man von ihm zu bekommen glaubt, wird einem wieder entzogen.
Was will einem der Meister beibringen? Im Grunde geht es, in meinen Augen, darum, so transparent zu werden, dass man einfach nur bei dem ist, was sich zeigt. Ohne Eigenwillen, ohne es besser zu wissen und eine alternative Wirklichkeit statt der erscheinenden erfahren zu wollen.
Die Kunst der Unterscheidung
Das ist das Schwierigste, was man lernen kann in dieser Welt: Unterscheidungskraft. Denn auch das, was sich im Augenblick vollkommen wahr anfühlt, kann eine vorübergehende Stimmung sein.
Zu unterscheiden, wann der Eigenwille am Werk ist und wann es eine natürliche Reaktion aus dem direkten Augenblick heraus ist. Eine Reaktion, die nicht aus Gedanken entsteht, sondern aus der Erfahrung selbst.
„Dein Wille geschehe!“ Ganz gleich, welcher Religion man angehört oder welcher spirituellen Richtung. Es dreht sich immer nur um „Dein Wille geschehe!“.
Das Ja zu dem, was ist
Sofort fällt mir wieder der Stein ein, der am Eingang zum Steigerwald-Panoramaweg liegt, den ich bei einem Spaziergang entdeckt hatte, als ich nach Bad Windsheim gezogen bin. Dort steht: „Im Ja zum Willen Gottes verliert das Leiden seine Kraft.“
Im Moment, als ich das gelesen hatte, öffnete sich eine Tür in eine innere Offenheit, die sofort erfasste, was damit gemeint ist.
Und heute erfahre ich es wieder.
Wenn der Körper deutlicher spricht
Wer meinen Blogpost „Auftragen, Polieren“ gelesen hat, der weiß, dass ich in einem Job gelandet bin, der mich geradezu in diesen Augenblick gezwungen hat. Ich hatte keine Möglichkeit mehr, nicht vollkommen anwesend zu sein. Und gleichzeitig, wie sich später herausstellte, kostete mich dieser Job so viel Kraft, dass ich einsehen musste, dass ich dort nicht bleiben konnte.
Ich sah es nicht ein, weil ich keine Lust auf Arbeiten hatte. Ich sah es ein, weil ich spürte, dass es über meine körperlichen Kräfte ging und es keinen Sinn machte, diese Grenze weiterhin überzustrapazieren. Dadurch lernte ich ganz direkt, die unterschiedlichen Quellen von Einsicht zu spüren, anstatt sie nur zu denken.
Das Leben wirft mich in Situationen, die mir ganz direkt klarmachen, welche meiner Bewegungen aus einem Selbstbild und einer Vorstellung stammen und welche meiner Bewegungen aus dem aktuellen, ganz unmittelbaren Geschehen heraus passieren.
Die Lektionen des Lebens
Und es kann dabei genauso grausam sein wie Meister Gutei. Jeder Mensch erfährt seine eigene Lektion, die umso härter ist, je weniger man sie an sich heranlassen will. Und das ist oft keine bewusste Entscheidung, ob man sich ihr stellen will oder nicht.
Ich bitte darum, diese Aussagen nicht misszuverstehen. Es geht nie um Schuld oder Unschuld. Wir Menschen sind sowohl schuldig als auch völlig unschuldig. Wir sind beides. Das klingt unmöglich, doch in der absoluten Tiefe verstanden, ist es logisch.
Wir sind unschuldig, weil wir uns nicht selbst hervorbringen. Niemand erschafft sich selbst, niemand setzt sich aus eigener Kraft in die Welt. Und wir sind schuldig, weil das, was sich als Handlung, Gewalt, Liebe, Zerstörung oder Fürsorge zeigt, immer durch uns Menschen geschieht. Das, was uns hervorbringt, bleibt nicht außerhalb von uns stehen. Es erscheint als wir.
Schuld, Unschuld und Verantwortung
Schuld und Unschuld gehören auf verschiedenen Ebenen zu ein und demselben Geschehen.
Wir müssen die Dinge vom Ursprung aus erfassen und nicht erst an irgendeinem späteren Punkt des Daseins einsteigen. Sonst bleiben unsere Bewegungen abgeschnitten und halb, und wir sehen die Zusammenhänge nur rudimentär.
Was will ich sagen?
Das Prinzip der Polarität
Das einfachste Prinzip des Lebens ist die Polarität. Glaube ich etwas absolut sicher zu wissen, schlägt mir in einem völlig unvorbereiteten Moment das Leben den Boden unter den Füßen weg. So, dass ich einsehen muss, dass ich überhaupt nichts weiß und mich an gar nichts festhalten kann. Das erfährt jeder Mensch auf seine persönliche Art und Weise, manchmal nicht nur einmal, sondern mehrmals in seinem Leben.
Jede Starrheit hat etwas Biegsames im Schlepptau. Jede Unberührbarkeit hat eine Überempfindlichkeit im Hintergrund. Jede Sensibilität hat eine große Widerstandskraft im Hinterzimmer. Alles, was wir hervorbringen, hat sein Gegenteil am anderen Ende stehen. Wir pendeln im Leben meistens zwischen den inneren Polen hin und her.
Wenn wir aufwachen, erkennen wir das. Und uns wird bewusst, wer das erkennt. Dass dieser „Jemand“ niemand Bestimmtes ist, sondern das Erkennen selbst, in dem alles stattfindet.
Wer erkennt?
Mehr geht nicht. Denn dieses Prinzip ist universell. Es reicht vom Persönlichsten bis in das, was wir kosmisch nennen.
Meine körperlichen Schmerzen nicht zu übergehen, ist eine kosmische Erkenntnis. Zu spüren, was ich wirklich und tatsächlich fühle, anstatt dem weiter zu folgen, was ich fühlen sollte, ist ein göttliches Erkennen. Es zeigt mir genau das, was wirklich ist, und lässt mich nicht mehr in Vorstellungen darüber hängen, was wirklich sein sollte.
So komme ich mir und dem Leben auf eine Weise nah, die transparent macht, wer hier das Sagen hat. Das tatsächliche Gefühl ohne Vorder- und Hintergedanken. Und nur aus dem, was tatsächlich ist, ergibt sich eine stimmige Folge.
Der eigenen Möglichkeit folgen
So, wie der Samen aus sich selbst heraus zum Keimling wird und die Pflanze aus der tatsächlichen Information heraus zu ihrer Blüte erwächst. Sie folgt keiner Idee von sich selbst, sie folgt der tatsächlichen Möglichkeit.
Keine Gänseblume wäre vollkommen sie selbst, wenn sie davon träumen würde, eine Rose zu sein. Sie würde an ihren Möglichkeiten komplett vorbeigehen und verkümmern.
Ich kann nur vollkommen ich selbst werden, wenn ich ganz exakt dem folge, was hier wahr ist. Denn dann hat das Ich-selbst-Sein keinen egoischen Hintergrund mehr, sondern folgt dem natürlich Wahren, das dem Willen Gottes entspricht.
Himmel und Erde
Ich habe jetzt einen anderen Job, der besser zu mir passt. Der mir hilft, meine Kräfte einzuteilen, mich in dieser gegebenen Welt zu verankern, der mir Boden unter den Füßen gibt und mich gleichzeitig lehrt, Himmel und Erde zu verbinden.
Und aus dieser Verbundenheit der Gegensätze heraus meine Wahrheit zu sprechen.
Danke, Meister.
In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.
Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.

Mal wieder ein richtig guter Text von Dir, Nicole. Ich kenne niemanden, der das Konkrete und das Metaphyisische so natürlich zusammenbringt, wie Du. Da ist keine Trennung. So genial formuliert: Meine körperlichen Schmerzen nicht zu übergehen, ist eine kosmische Erkenntnis.“ Das verstehe ich sofort. Es gibt nur DAS hier. Und das ist so. Jetzt tut es weh. Ende. Das Göttliche hat Schmerzen. Erfährt, was das ist. Diese Unmittelbarkeit ist so groß.
Danke, dass Du weitermachst und Deine Einblicke teilst. Und Deine neue unmittelbare Sprache ist toll. Sehr fühlbar. Wobei sie so neu gar nicht ist. Ich glaube, Du vertraust ihr nur mehr. 🙂 LG Chris
Liebe Nicole, der Vergleich ist sehr gelungen. Er stimmt auf alle Gurus und spirituellen Meister. Alle imitieren das Leben, wie es ist. Du hast das sehr gut beschrieben, beimir hats richtig Klick gemacht und ich verstehe besser, warum das Leben mein Lerherist und kein Mensch. Menschen sind anfällig für Manipulationen und Verführung und Macht. Aber das Leben nicht. Das will gar nichts von mir. Nie. Danke Dir sehr. Nina
Deine feurige Schriftstellerei aus Ein zig-art-igem Blick ist mein ekstatisch ernüchterndes Lebensglück.
ps- das mit dem Finger abschneiden wollte ich mir unbedingt ersparen!
Ob sich das Leben wohl dran hält?! 🤣
Liebe Nicole !
Für mich bleibt „Dein Wille geschehe!“ gleich „Mein Wille geschehe!“
Ich setze Ursache und Wirkung, wer frägt da noch nach Schuld oder Unschuld?
Herzlichst Victor
Wir sind beides, in der Tiefe verstanden ist das logisch. Hieraus ergibt es erst Sinn, das Unpersönliche, das all Voll- kommene und das ewig Hervorkommende, unfassbar, erlebbar. Zweifellos.