Wer sagt eigentlich - Ich? - anhören

von Nicole Paskow

Es gibt eine Frage, die mich schon sehr lange beschäftigt und die in den vergangenen Tagen noch einmal ganz neu aufgetaucht ist: Wer sagt eigentlich „Ich“?

Jeder Mensch sagt es. Ich sage „ich“, meine Kinder sagen „ich“, ein Mensch in Indien sagt „ich“, einer in Brasilien ebenfalls und Du sagst auch „ich“. Jeder benutzt dasselbe Wort und meint damit sich selbst. Das ist so selbstverständlich, dass man kaum darüber nachdenkt.

Und genau deshalb lohnt es sich, mal darüber nachzudenken.

Was ist da, bevor ich weiß, wer ich bin?

Denn wenn ich sage: „Ich bin Nicole“, dann ist Nicole bereits eine ziemlich komplexe Angelegenheit. Nicole hat eine Biografie, Erinnerungen, einen Körper, Beziehungen, Vorlieben, Verletzungen, bestimmte Fähigkeiten, eine Sprache, eine Geschichte. All das gehört zu der Person, die ich bin.

Aber bevor ich sagen kann: „Ich bin Nicole“, muss bereits etwas da sein, das überhaupt sagen kann: „Ich bin.“

Dieses „Ich bin“ ist viel einfacher als die Person.

Es ist einfach das Wissen darum, da zu sein.

Nicht das Wissen darüber, wer ich bin. Nicht die Geschichte über mich. Nicht die Idee von mir. Nur dieses unmittelbare Empfinden: Ich bin da.

Und genau dieses „Ich bin“ scheint zunächst überhaupt nichts Persönliches zu haben.

Es ist nicht weiblich oder männlich. Es hat keinen Beruf, keine Vergangenheit und keine Meinung. Es ist nicht mutig oder ängstlich, erfolgreich oder gescheitert. All diese Eigenschaften tauchen erst dort auf, wo aus dem bloßen „Ich bin“ eine konkrete Person wird.

Dasselbe Ich, verschiedene Formen

Irgendwann kam mir deshalb der Gedanke, dass dieses „Ich bin“ vielleicht in jedem Wesen dasselbe ist.

Nicht die Person ist dieselbe. Natürlich nicht.

Ich bin nicht mein Gegenüber und mein Gegenüber ist nicht ich. Ich bin nicht mein Hund und mein Hund ist nicht ich. Wir unterscheiden uns vollständig in dem, was wir erleben können, woran wir uns erinnern, wie wir reagieren, was wir verstehen und wie weit unser Bewusstsein reicht.

Aber die Fähigkeit zu erleben selbst könnte dieselbe sein.

Vielleicht gibt es nicht verschiedene Arten von „Ich bin“, sondern verschiedene Formen, in denen dieses „Ich bin“ erscheint.

Ich stelle mir das wie Licht vor.

Rot ist nicht Blau. Blau ist nicht Grün. Die Farben sind wirklich verschieden. Es wäre vollkommen sinnlos zu behaupten, die Unterschiede seien eine Täuschung. Und trotzdem stammen sie aus demselben Licht.

Vielleicht ist es mit Bewusstsein genauso.

Die Begrenzung macht die Erfahrung möglich

Die Unterschiede zwischen uns sind wirklich. Vielleicht sind sie sogar notwendig. Denn eine konkrete Erfahrung kann nur dort entstehen, wo etwas begrenzt ist.

Wenn ich gleichzeitig alle Perspektiven hätte, wäre ich keine bestimmte Person mehr. Ich könnte keine persönliche Erfahrung machen, weil es gar keinen bestimmten Standpunkt gäbe, von dem aus etwas erlebt wird.

Ich bin auf Nicole begrenzt.

Ich sehe durch ihre Augen, erinnere mich an ihre Geschichte, spüre ihren Körper, denke mit ihren Möglichkeiten und stoße an ihre Grenzen. Das ist kein Fehler im System. Es könnte genau die Bedingung dafür sein, dass überhaupt eine bestimmte Erfahrung entstehen kann.

Jede Perspektive ist anders. Aber das, wodurch diese Perspektive erlebt wird, muss deshalb noch lange nicht grundsätzlich verschieden sein.

Möglicherweise ist das „Ich bin“ selbst formlos und bekommt erst durch die jeweilige Person eine Form.

Bei mir heißt diese Form Nicole.

Bei einem anderen Menschen trägt sie einen anderen Namen.

Beim Hund taucht sie in einer anderen Art von Bewusstsein auf. Ein Hund reflektiert vermutlich nicht darüber, dass er existiert. Er sagt nicht zu sich selbst: Ich bin ein Hund und ich befinde mich gerade in diesem Leben. Aber er erlebt. Er spürt Nähe, Gefahr, Hunger, Schmerz, Freude. Etwas ist da, das erlebt.

Das unterscheidet ihn von einem Stein.

Und vielleicht liegt der Unterschied zwischen uns gar nicht darin, dass ich ein „Ich“ habe und der Hund keines, sondern darin, wie weit dieses Ich sich seiner selbst bewusst werden kann.

Der Hund ist da.

Ich weiß zusätzlich, dass ich da bin.

Und ich kann sogar darüber nachdenken, was dieses Dasein überhaupt bedeutet.

Aber der Ursprung könnte derselbe sein.

Was Nahtoderfahrungen daran sichtbar machen

Das würde auch erklären, warum mir dieser Gedanke immer wieder bei der Beschreibung von Nahtoderfahrungen begegnet ist.

Ich habe inzwischen viele Interviews mit Menschen gesehen, die eine solche Erfahrung gemacht haben. Die Berichte unterscheiden sich teilweise stark. Manche erzählen von Licht, manche von Landschaften, manche von verstorbenen Angehörigen, manche von etwas völlig anderem.

Was mir aber immer wieder aufgefallen ist, ist etwas viel Schlichteres.

Sie sagen weiterhin „ich“.

Ich sah.

Ich wusste.

Ich war dort.

Ich wollte nicht zurück.

Die Identifikation mit dem bisherigen Leben kann sich dabei offenbar sehr stark lösen. Manche berichten, dass ihr Körper kaum noch Bedeutung hatte. Manche erleben ihr vergangenes Leben plötzlich wie etwas Entferntes oder Traumartiges. Der Name, die Geschichte und die Person verlieren für den Lauf der Erfahrung ihre absolute Wirklichkeit.

Aber das Erleben selbst hört nicht auf.

Das „Ich“ scheint noch da zu sein, obwohl das, womit es sich bisher identifiziert hat, an Bedeutung verliert.

Und genau das finde ich bemerkenswert.

Vielleicht zeigt sich dort besonders deutlich, dass das einfache „Ich bin“ und die Person, für die wir uns halten, nicht dasselbe sind.

Das Ich wird nicht älter

Die Person hat einen Anfang. Sie bekommt einen Namen, entwickelt einen Charakter, sammelt Erinnerungen, Beziehungen und Erfahrungen. Sie wird älter, verändert sich und irgendwann verschwindet sie wieder. Aber das „Ich bin“ selbst fühlt sich merkwürdig zeitlos an. Ich erinnere mich daran, ein Kind gewesen zu sein, eine Jugendliche, eine junge Frau. Fast alles an mir hat sich seitdem verändert. Und trotzdem war es immer ich.

Dieses Ich ist nie älter geworden.

Mein Körper ist älter geworden. Meine Gedanken haben sich verändert. Mein Wissen ist größer geworden, manches ist verschwunden, anderes hinzugekommen. Aber dieses unmittelbare Wissen darum, da zu sein, fühlt sich nicht an, als wäre es gealtert. Es ist einfach da. Genau wie damals.

Gehört das Ich überhaupt der Person?

Gerade darin könnte der Grund liegen, warum wir das Ich so selbstverständlich mit der Person verwechseln. Es erscheint immer nur durch eine Person. Ich kenne das „Ich bin“ nur als Nicole. Ich habe keinen Zugang dazu, wie es sich anfühlt mein Hund zu sein oder irgendein anderer Mensch. Also liegt die Schlussfolgerung nahe, dass dieses Ich mir gehört.

Aber es könnte genau andersherum sein.

Das Bewusstsein gehört nicht der Person. Die Person erscheint im Bewusstsein.

Dann wäre Nicole die konkrete Form, in der dieses eine „Ich bin“ hier erfahrbar wird. Eine bestimmte Perspektive, mit bestimmten Möglichkeiten und bestimmten Grenzen. Dass ich nur diese Perspektive kenne, wäre kein Beweis dafür, dass es ein eigenes, von allen anderen getrenntes Ich gibt. Es wäre lediglich die notwendige Bedingung dafür, Nicole überhaupt erfahren zu können.

Denn sobald alle Perspektiven gleichzeitig offen wären, gäbe es keine persönliche Erfahrung mehr.

Die Begrenzung macht die Erfahrung möglich.

So betrachtet wären wir nicht voneinander getrennte Ichs, sondern voneinander verschiedene Erscheinungsformen desselben Erlebens. Das bedeutet nicht, dass die Unterschiede verschwinden. Im Gegenteil. Gerade die Unterschiede machen die Erfahrung reich und konkret.

Rot bleibt Rot. Blau bleibt Blau.

Aber beides ist Licht.

Das könnte auch für uns gelten.

Ich bleibe Nicole. Mein Hund bleibt mein Hund. Ein anderer Mensch bleibt vollkommen er selbst. Jeder erlebt nur von seinem eigenen Punkt aus. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine eigene Wahrnehmung, seine eigenen Grenzen.

Und trotzdem könnte in jedem dieselbe einfache Tatsache anwesend sein:

Ich bin.

Was endet mit dem Tod?

Vielleicht ist deshalb auch die Frage, ob „ich“ nach dem Tod weiterexistiere, falsch gestellt. Denn sie setzt bereits voraus, dass dieses Ich Nicole gehört.

Wenn Nicole endet, endet eine bestimmte Form. Eine bestimmte Perspektive. Ein bestimmtes Leben.

Ob damit auch das „Ich bin“ endet, wissen wir nicht.

Die Nahtoderfahrungen beweisen es nicht. Aber sie werfen eine bemerkenswerte Frage auf, weil dort offenbar die Identifikation mit der bisherigen Person schwächer werden kann, während das Erleben selbst weitergeht.

Das könnte der Punkt sein, an dem unsere gewöhnliche Vorstellung vom Ich ins Wanken gerät.

Wer sagt also eigentlich „Ich“?

Nicole?

Der Körper?

Das Gehirn?

Die Geschichte, die ich über mich erzähle?

Oder ist Nicole nur der Name, den dieses „Ich bin“ für eine Weile trägt?

Ich weiß es nicht.

Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger selbstverständlich erscheint mir die Vorstellung, dass jeder von uns ein eigenes Ich besitzt.

Vielleicht gibt es nicht Milliarden verschiedene Ichs.

Vielleicht gibt es Milliarden verschiedene Perspektiven.

Und durch jede von ihnen sagt dasselbe Leben:

Ich bin.

 

In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.