Früher dachte ich, Freiheit würde bedeuten, möglichst viele Möglichkeiten zu haben, das Leben zu erfahren. Ich wollte reisen können, unabhängig sein, mir Wünsche erfüllen, ohne lange darüber nachdenken zu müssen, ob ich sie mir leisten kann. Und ich dachte, Geld würde mir diese Freiheit ermöglichen. Also bemühte ich mich darum, Geld zu verdienen, um irgendwann an den Punkt zu gelangen, an dem ich frei wäre.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass Geld als eigenständiges Ziel überhaupt nicht existiert. Geld ist eine Folge. Es entsteht dort, wo Menschen sich engagieren, etwas erschaffen und ihre Fähigkeiten einer Sache widmen, die ihnen etwas bedeutet. Ich glaube, dass keine große Innovation ursprünglich aus dem bloßen Wunsch entstanden ist, Geld zu verdienen. Am Anfang stand immer ein Mensch, der etwas wissen, verändern oder erschaffen wollte. Die eigentliche Bewegung kam aus seinem Inneren.

Im Zuge dieser Erkenntnis begann sich mein Verständnis von Freiheit grundlegend zu verändern. Ich erkannte immer deutlicher, dass das Außen eine Projektion des Innen ist. Ich kann in ein und derselben Situation vollkommen unterschiedliche Welten erleben, je nachdem, in welchem inneren Zustand ich mich befinde. Und solange ich diesen Zustand für mich selbst halte, bin ich ihm ausgeliefert.

Die Freiheit, die wir übersehen

Heute bedeutet wahre Freiheit für mich, jedem Zustand, der in mir auftaucht, begegnen zu können, ohne ihm ausweichen zu müssen. Ohne ihn verlängern zu wollen, wenn er angenehm ist, oder ihn loswerden zu wollen, wenn er unangenehm wird. Es bedeutet, anwesend zu bleiben, ganz gleich, was gerade in mir geschieht.

Wir verbringen den größten Teil unseres Lebens damit, von einem Zustand in den nächsten zu fallen. Wir sind glücklich und möchten glücklich bleiben. Wir sind traurig und möchten wieder glücklich werden. Wir haben Angst und versuchen, unsere Umstände so zu verändern, dass wir keine Angst mehr haben müssen. Unser ganzes Leben scheint aus dieser Bewegung zu bestehen. Und wir bemerken kaum, wie abhängig wir dadurch von unseren inneren Zuständen bleiben.

Es gibt jedoch eine Möglichkeit, innerhalb dieser Bewegung etwas zu entdecken, das wir gewöhnlich übersehen. Wir können beginnen wahrzunehmen, worin diese Bewegung überhaupt stattfindet. Denn wenn ich bemerke, dass ich wütend bin, muss da etwas sein, das diese Wut wahrnimmt. Wenn ich Angst habe und mir meiner Angst bewusst werde, ist da eine Gegenwärtigkeit, in der diese Angst erscheint.

Die Wachheit, die immer schon da ist

Diese Gegenwärtigkeit muss ich nicht erschaffen. Sie ist immer schon da. Selbst wenn ich vollkommen in meinen Gedanken und Gefühlen verschwinde, hört sie nicht auf zu existieren. Ich bemerke sie dann lediglich nicht mehr. Ich kann sie jedoch wiederentdecken, aufdecken und lernen, mich zunehmend in ihr zu stabilisieren.

Es handelt sich um eine Art Wachheit, die mitbekommt, was geschieht. Diese Wachheit ist einfach nur wach. Sie hat keine Eigenschaften, keine Meinung über das, was sie wahrnimmt, und kein Interesse daran, etwas zu verändern. Sie ist still. Während meine Gedanken, Gefühle und körperlichen Empfindungen sich ununterbrochen verändern, bleibt diese Gegenwärtigkeit, in der all das erscheint.

Für mich hat diese Entdeckung  überhaupt nichts mit Spiritualität zu tun. Sie hat vielmehr mit einer wissenschaftlichen Haltung zu tun, mit einem aufrichtigen Interesse an der eigenen Erfahrung. Wir werden zu Forschern unseres Inneren. Was geschieht gerade in mir? Wo beginnt eine Empfindung? Wie entwickelt sie sich? Was passiert, wenn ich aufhöre, ihr auszuweichen? Diese Fragen lassen sich letztlich nur durch die eigene Erfahrung beantworten.

Sich selbst nicht mehr verlassen

Sobald ein unangenehmes Gefühl auftaucht, eile ich inzwischen geradezu zu ihm. Ich wende mich ihm unmittelbar zu. Und dann bleibe ich stehen. Wie ein Soldat, der seinen Posten nicht verlässt. Ich gehe nicht weg. Ich spüre die Empfindung so genau wie möglich, ohne mich in die Gedanken zu verwickeln, die sie begleiten. Immer wieder erlebe ich, dass das Gefühl innerhalb weniger Minuten verschwindet. Es verliert seine Kraft, ohne dass ich etwas dagegen unternehmen musste.

Entscheidend ist dabei, dass ich das Gefühl gar nicht zum Verschwinden bringen will. Sonst wäre ich bereits wieder in der alten Bewegung gefangen. Mich interessiert, was geschieht, wenn ich vollständig anwesend bleibe. Ob das Gefühl eine Minute dauert oder eine Stunde, spielt dabei keine Rolle. Ich möchte bei mir bleiben können, solange es da ist.

Damit bekommen Begriffe, die wir alle kennen, eine vollkommen neue Bedeutung. Bei mir bleiben. Für mich da sein. Zu mir stehen. Ich kann bei mir bleiben, während ich Angst habe. Ich kann für mich da sein, wenn ich mich schäme. Ich kann zu mir stehen, während ich traurig oder wütend bin. Und ich entdecke dabei etwas, das ich mein Leben lang bei anderen Menschen gesucht habe. Jemanden, der bleibt.

Der Trost, den nur das Selbst geben kann

Natürlich ist es wunderbar, von einem anderen Menschen getröstet zu werden, sich anzuvertrauen und Verbundenheit zu erleben. Aber ich habe etwas entdeckt, das noch grundlegender ist. Der erste Mensch, der bei mir sein muss, bin ich selbst. Und dieses Selbst ist jene Gegenwärtigkeit, die immer da ist und keinen meiner Zustände verlassen muss.

Der tiefste Trost kommt für mich aus diesem Selbst. Denn andere Menschen können mich verlassen, missverstehen oder gerade selbst mit ihren Zuständen beschäftigt sein. Wenn mein Frieden davon abhängt, dass jemand mich versteht oder bestätigt, bleibe ich abhängig. Sobald ich jedoch entdecke, dass ich selbst anwesend bleiben kann, verändert sich etwas Grundlegendes. Ich bin da, während mein Schmerz geschieht. Und dieses Dasein hat eine Qualität, die ich früher nicht kannte. Diese Qualität wird erst sichtbar, wenn die Gegenwärtigkeit tatsächlich durch praktische Erfahrung aktiviert wird. Davor kennen wir sie schlicht nicht.

Das verändert auch meine Beziehungen. Wenn jemand schlecht gelaunt ist, muss ich nicht ebenfalls schlecht gelaunt werden. Wenn jemand mich kritisiert, kann ich bemerken, was seine Worte in mir auslösen, ohne mich sofort verteidigen zu müssen. Ich kann Grenzen setzen, ohne mich vorher in Wut hineinzusteigern. Ich kann einem Menschen nahe sein, ohne ihn für meinen inneren Zustand verantwortlich zu machen.

Freiheit mitten im Leben

Hier liegt für mich auch eines der größten Missverständnisse vieler Coachingansätze. Wir lernen, unsere Zustände zu verändern, negative Gedanken durch positive zu ersetzen und uns möglichst geschickt in einen angenehmen Zustand zu versetzen. Doch damit setzen wir die alte Bewegung fort. Wir werden geschickter darin, uns selbst auszuweichen, und bleiben von unseren Zuständen abhängig.

Ich brauche keine Kontrolle über meine Gefühle, um gegenwärtig zu sein. Ich brauche auch keine Disziplin, mit der ich mich zwinge, gelassen zu bleiben. Was ich brauche, ist ein tiefes Interesse an dem, was in mir geschieht. Natürlich lässt sich diese Wachheit üben. Anfangs bemerke ich vielleicht erst nach Stunden, dass ich von einem Gefühl übernommen wurde. Irgendwann nach wenigen Minuten. Und eines Tages bereits in dem Augenblick, in dem es entsteht.

Für mich ist das inzwischen eine der spannendsten Aufgaben meines Lebens. Wie gegenwärtig kann ein Mensch sein? Wie viel kann er fühlen, ohne sich darin zu verlieren? Wie offen kann er bleiben, selbst wenn das Leben ihm gerade nicht entgegenkommt? Und was wird möglich, wenn er seine Kraft nicht mehr ununterbrochen dafür verbraucht, gegen sein eigenes Erleben anzukämpfen?

Früher wollte ich frei sein, um möglichst viel erleben zu können. Heute verstehe ich, dass ich erst wirklich frei bin, wenn ich bereit bin, alles zu erleben, was das Leben in mir hervorbringt. Die Gegenwärtigkeit, von der ich spreche, ist immer schon da. Und je mehr ich lerne, in ihr zu bleiben, desto deutlicher erfahre ich, dass hier der Ort der Fülle, des Friedens und der Kraft ist, den ich so lange im Außen gesucht habe.

Heute weiß ich mit Gewissheit: Die größte Freiheit, die ein Mensch entdecken kann, besteht darin, sich selbst unter keinen Umständen mehr verlassen zu müssen.

 

In einer Welt, in der das Offensichtliche selten hinterfragt wird, lädt „Ein Riss in der Realität“ dazu ein, tiefer zu blicken und die unsichtbaren Fäden zu entdecken, die unser Sein durchdringen. Dieses Buch versammelt 24 inspirierende Essays, die ursprünglich als Adventskalender auf Nicole Paskows Blog entstanden sind.

Jeder Text öffnet ein neues Fenster in die Weiten unseres Bewusstseins und ermutigt den Leser, die wahre Natur des Menschseins zu erkunden. Es ist eine Einladung, mit den inneren Augen zu sehen und die Klarheit zu finden, die in der Essenz unserer Existenz verborgen liegt.